Kommentar von Bischof Voigt DD (SELK NEWS)

franzoesische-truppen-an-der-westfrontZum Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren – am 28. Juli 1914 – und zum 70. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 legt Bischof Hans-Jörg Voigt, D.D., von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) den folgenden Kommentar vor.

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Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn dem Königreich Serbien den Krieg, einen Monat, nachdem der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Mitgliedern der revolutionären Untergrundorganisation Mlada Bosna in Sarajewo ermordet worden war. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, die in einem ursächlichen Zusammenhang zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges steht, nahm ihren Lauf.

Am 25. Mai 2014, zum Abschluss der Europäischen Lutherischen Konferenz (ELC), besuchte ich mit einigen Gästen dieser Tagung lutherischer Bekenntniskirchen die Gedenkstätte des Konzentrationslagers Bergen Belsen in unmittelbarer Nähe zu Bleckmar, wo wir im Missionshaus, der Tagungsstätte der Lutherischen Kirchenmission (LKM), geistlich sehr intensive Tage verbracht hatten.

Schon einige Male hatte ich die Gedenkstätte mit Vikaren besucht, aber noch nie ist es mir so an die Nieren gegangen, wie in Begleitung internationaler Gäste. Ich hatte einige Male mit Tränen zu kämpfen angesichts der Dokumentation von Leichenbergen, und ein Bruder aus Großbritannien, einer aus Dänemark standen neben mir. Und das alles begann letztendlich am 28. Juli 1914 vor 100 Jahren.

Als wir dann durch das Gelände der Gedenkstätte gingen, zwischen den Fundamenten und Überresten der Baracken hindurch, wurden die Gespräche sehr intensiv. Folgendes konnten wir in einzelnen Gesprächen entwickeln:

1. Schuld zu bedenken und einzugestehen ist keine Schwäche, sondern eine Stärke

Zurzeit ist das Buch des australischen Historikers Christopher Clark mit dem Titel “Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog” in Deutschland ein Bestseller. Wahrscheinlich liegt der Grund darin, dass mit Clark “endlich mal jemand sagt”, dass Deutschland nicht allein schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges war. Diese Frage halte ich deshalb für irrelevant, weil es aus Sicht des christlichen Glaubens keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, Schuld einzugestehen.

Mein Bruder arbeitet als Handwerksmeister. Sein berufliches Leben besteht darin, zu messen und Fehler zu korrigieren und niemand wirft ihm dabei eine negative Grundhaltung vor. Unser Leben muss sich jeden Tag am heiligen Willen Gottes messen, und die Bitte um Vergebung durch Jesus Christus bringt uns zurecht. Was für ein einzelnes Christenleben gilt, gilt auch für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge. Dass in Deutschland nach 1945 zuerst zögerlich, dann aber zunehmend das himmelschreiende Unrecht unseres Volkes thematisiert, bedacht und in aller Unvollkommenheit bearbeitet wurde, ist eine Stärke und keine Schwäche.

2. Schuld ist etwas anderes als Verantwortung

Für uns als lutherische Christinnen und Christen ist es wichtig, mit dem Begriff der Schuld möglichst genau umzugehen. Gerade in historischen Zusammenhängen sollten wir nicht leichtfertig mit diesem Begriff hantieren. So bin ich persönlich nicht schuld am Ausbruch und den Folgen zweier Weltkriege und der unbegreiflichen Vernichtung des Volkes der Juden. Ich bin nicht schuld, weil ich damals noch nicht gelebt habe. Ich habe an meinem eigenen Leben genug zu bekennen, und Jesus Christus hat seine tägliche Mühe mit meinen heutigen Sünden.
Zugleich aber stehen wir als Deutsche in einer bleibenden Verantwortung für Folgen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist dies die Verantwortung, aus dieser Geschichte resultierende Nöte, aber auch ganz andere Nöte zu lindern, wo wir nur können. Es ist dies die Verantwortung, diese Geschichte auch für andere zu erinnern. Was zum Beispiel unsere ursprünglich deutschen Schwesterkirchen in Kanada, in den USA, in Brasilien, Argentinien oder Australien unter den Kriegsfolgen zu leiden hatten, ist bisher kaum untersucht. Das Misstrauen der dortigen Landsleute, der daraus resultierende schleichende Verlust der deutschen Muttersprache, Anfeindungen aller Art gehören mit dazu.

3. Nationalismus ist immer noch ein Problem

Mit der französischen Revolution über die Napoleonischen Kriege beginnt der Nationalismus in Europa um sich zu greifen. Dabei ersetzt der Begriff der Nation den Begriff der christlichen Religion. Der Nationalismus ist ein Hauptgrund für den Ausbruch des ersten Weltkrieges. Der Nationalismus war es, der die Kirchen verschiedenster Konfessionen völlig verblendete, sodass zum Beispiel römisch-katholische Bischöfe deutscher wie französischer Bistümer nationalistische Kriegshetze betrieben, obwohl sie zu einer Kirche gehörten. Die evangelischen Kirchen standen dem in nichts nach. Erst die Soldaten auf dem Schlachtfeld waren völlig überrascht, wenn sie in den Taschen der Gefallenen Gegner eine Bibel oder ein Kreuz fanden.

Der Nationalismus und nationale Egoismen sind in Europa und weltweit nach wie vor virulent. Die Gefahr des Nationalismus ist noch nicht gebannt und macht dem christlichen Glauben nach wie vor Konkurrenz.

4. Pseudonaturwissenschaftliches Denken

Insbesondere die Ideologie des Nationalsozialismus meinte, der Evolutionstheorie Elemente entnehmen zu können, um zum Beispiel aus der Natürlichen Auslese das Gesetz des Stärkeren und eine sozialdarwinistische Rassentheorie formen zu können. Solche pseudonaturwissenschaftlichen Ideen finden sich bis in die Gegenwart in Wirtschafts- und Sozialtheorien. Sie stehen im krassen Widerspruch zum christlichen Glaube, dem der Gedanke der Nächstenliebe zu eigen ist. Christus spricht: “Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.” (Matthäus 25,40).

5. Mehrheiten können irren

Wenn ich in diesen Tagen Bilder von jubelnden Volksmassen und Soldaten sehe, wie sie 1914 in einen grausamen Massentod gezogen sind, versuche ich meinen Kindern immer wieder diesen Satz einzuschärfen: “Mehrheiten können irren!” Die Männer und Frauen, die am 20. Juni 1944 versuchten, dem Nationalsozialismus ein Ende zu machen, hatten den Mut, sich einer Mehrheitsmeinung entgegenzustellen. Vor 70 Jahren bezahlten sie dafür mit ihrem Leben. Das christliche Gewissen, das durch die Ursünde immer wieder ein irrendes Gewissen ist, muss täglich geschärft werden am Wort Gottes.

Unsere demokratischen Gesellschaften stehen in der Gefahr, eine Mehrheitsmeinung von vornherein als Wahrheit anzusehen. Die Deutsche Geschichte erinnert daran, dass der Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein Massenereignis war und die Reichstagswahl 1933 unter weithin demokratischen Verhältnissen dem Nationalsozialismus zur Macht verhalf. Mehrheiten können irren: Dieser Satz ist heute wichtiger denn je, wenn gesellschaftliche Mehrheitsmeinungen sich immer weiter von den Grundlagen des christlichen Glaubens entfernen.

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Ein Kommentar von selk_news [18.7.2014]
Redaktion: SELK – Gesamtkirche.
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Verfasser: Bischof Hans-Jörg Voigt, D.D., Bischof@selk.de.
selk_news werden herausgegeben von der Kirchenleitung
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About Wilhelm Weber jr

Rector of the Lutheran Theological Seminary in Tshwane
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