
Darümb, so leren wir nicht allein, wie man das gesetz halte, sondern auch, wie es Gott gefalle, alles, was wir thun, nemlich nicht, das wir inn diesem leben das gesetz so volkömlich und rein halten können, sondern das wir inn Christo sein, wie wir hernach wollen sagen. So ist es nu gewis, das die unsern auch von guten wercken recht leren. Und wir setzen noch dazu, das es unmöglich sey, das rechter glaub, der das hertz tröstet und vergebung der sunden empfehet, on die liebe Gottes sey. Denn durch Christum kompt man zum Vater, und wenn wir durch Christum Gott versunet sein, so gleuben und schliessen wir denn erst recht gewis im hertzen, das ein warer Gott lebe und sey, das wir ein vater im himel haben, der auff uns allzeit sihet, der zu furchten sey, der umb so unsegliche wolthat zu lieben sey, dem wir sollen allzeit hertzlich dancken, ihm lob und preis sagen, welcher unser gebet, auch unser sehnen und seufftzen erhöret, wie denn Johannes inn seiner Ersten Epistel sagt: „Wir lieben ihnen, denn er hat uns zuvor geliebet.“ Uns nemlich, denn er hat sein son fur uns geben und uns sunde vergeben. Da zeigt Johannes gnug an, das der glaube also furgehe und die liebe alsdenn folge.
Item, dieser glaube ist in denen, da rechte bus ist, das ist, da ein erschrocken gewissen Gottes zorn und seine sunde fület, vergebung der sunde und gnade suchet. Und inn solchem schrecken, inn solchen engsten und nöten beweiset sich erst der glaub und mus auch also bewert werden und zunemen. Darümb kann der glaub nicht sein inn fleischlichen, sicheren leuten, wilche nach des fleisches lust und willen dahin leben. Denn also sagt Paulus: „So ist nu nichts verdamlichs an denen, die inn Christo Jhesu sind, die nicht nach dem fleisch wandeln, sondern nach dem geist.“ Item: „so sind wir nu schuldner nicht dem fleisch, das wir nach dem fleisch leben. Denn wo ihr nach dem fleisch lebet, so werdet ihr sterben müssen; wo ihr aber durch den geist des fleisches gescheffte tödtet, so werdet ihr leben.“ Derhalben kann der glaube, welcher allein inn dem hertzen und gewissen ist, denen ihr sunde hertzlich leid sein, nicht zugleich neben einer todtunde sein, wie die widdersacher leren. So kann er auch nicht inn denjhenigen sein, die noch in der welt fleischlich nach des Satans und des fleisches willen leben.
Aus diesen früchten und wercken des glaubens klauben die widdersacher nur ein stücke, nemlich die liebe, und leren, das die liebe fur Gott gerecht mache; also sind sie nichts anders denn werckprediger und gesetzlerer. Sie leren nicht erst, das wir vergebung der sunde erlangen durch den glauben, sie leren nichts von dem mitler Christo, das wir durch denselbigen einen gnedigen Gott erlangen, sondern reden von unser liebe und unsern wercken. Und sie sagen doch nicht, was es vor eine liebe sey, und können es auch nicht sagen. Sie rhümen, sie können das gesetz erfüllen odder halten, so doch die ehre niemands gehöret denn Christo, und haben also ihr eigen werck gegen Gottes urteil, sagen, sie verdienen „de codigno“ gnad ewiges leben. Das ist doch ein gantz vergeblich und Gottlos vertrauen auff eigene werck. Denn inn diesem leben können auch Christen und heiligen selbst Gottes gesetz nicht volkömlich halten, Denn es bleiben immer böse neigung und lust inn uns, wiewol der heilig geist denselbigen widderstehet.
Es möchte aber jmands unter ihnen fragen: So wir selbst bekennen, das die lieb eine frucht des geistes sey, und so die liebe dennoch ein heilig werck und erfüllung des gesetzs genennet wird, warümb wir denn auch nicht leren, das sie fur Gott gerecht mache? Antwort: Erst ist das gewis, das wir vorgebung der sunde nicht entpfahen wider durch die liebe noch umb der liebe wille, sondern allein durch den glauben umb Christus willen. Denn allein der glaub im hertzen sihet auff Gottes verheissung. Und allein der glaube ist die gewisheit, da das hertz gewis drauff stehet, das Gott gnedig ist, das Christus nicht umbsonst gestorben sey etc. Und derselbig glaube uberwindet allein das schrecken des todes und der sunde. Denn wer noch wancket odder zweifelt, ob ihm die sunde vergeben sein, der vertrauet Gott nicht und verzaget an Christo, denn er helt sein sunde fur grösser und stercker denn den tod und blut Christi. So doch Paulus sagt zun Römern am v. Cap., Die gnade sey mechtiger denn die sunde, das ist krefftiger, reicher und stercker.
So nu jemands meinet, das er darümb vorgebung der sunde will erlangen, das er die liebe hat, der schmehet und schendet Christum und wird am letzten ende, wenn er vor Gottes gericht stehen sol, finden, das solch vertrauen vorgeblich ist. Darümb ist es gewis, das allein der glaub gerecht macht. Und gleich wie wir nicht erlangen vergebung der sunde durch andere gute werck und tügende, als umb gedult willen, umb keuscheit, umb gehorsams willen gegen der Oberkeit, und folgen doch die tügende, wo glaub ist, Also entpfahen wir auch nicht umb der liebe Gottes willen vergebung der sunde, wiewol sie nicht aussen bleibt, wo dieser glaube ist.
Das aber Christus Luce am vii. Ca. spricht: „Ihr werden viele sunde vorgeben werden, denn sie hat viel geliebet“, da legt Christus sein wort selbst aus, da er sagt: „Dein glaub hat dir geholffen.“ Und Christus will nicht, das die frau durch das werck der liebe vordienet habe vorgebung der sunde, darümb sagt er klar: „Dein glaub hat dir geholffen.“ Nu ist das der glaub, Welcher sich verlesset auf Gottes barmhertzigkeit und wort, nicht auff eigen werck. Und meinet jmands, das glaube sich zugleich auff Gott und eigen werck verlassen könne, der verstehet gewislich nicht, was glauben sey. Denn das erschrocken gewissen wird nicht zufriedet durch eigene werck, sondern mus nach barmhertzigkeit schreien und lesst sich allein durch Gottes wort trösten und auffrichten. Und die Historien selbs zeigt an dem ort wol an, was Christus liebe nennet. Die frau kömpt inn der zuvorsicht zu Christo, das sie wölle vergebung der sunde bey ihm erlangen, das heist recht Christum erkennen und ehren, denn grösser ehre kann man Christo nicht thun. Denn das heist Messiam odder Christum warlich erkennen: bey ihm suchen vergebung der sunde; dasselbige von Christo halten, Also Christum erkennen und annemen, das heist recht an Christum gleuben.
Christus aber hat dieses wort, da er sagt: „Sie hat viel geliebt“ nicht gebraucht, als er mit der frauen redet, sondern als er mit dem Phariseer redet. Denn der Herr Christus heltet gegenader die gantze ehre, die ihm der Phariseer gethan hat, mit dem erbieten und wercken, so die fraue ihm erzeiget hat. Er straffet den Phariseer, das er ihnen nicht hat erkent fur Christum, wie wol er ihnen eusserlich geehret als einen gast und fromen heiligen man. Aber den Gottesdienst der frauen, das sie ihre sunde erkennet und bey Christuo vergebung der sunde suchet, diesen dienst lobet Christus. Und es ist ein gros Exempel, wilchs Christum billich beweget hat, das er den Pharisser als ein weisen, ehrlichen man, der doch nicht an ihnen gleubet, straffet. Den unglauben wirfft er ihm fu und vermanet ihnen durch das Exempel, als solt er sagen: Billich soltu dich schemen, du Phariseer, das du so blind bist, mich vor Christum und Messiam nicht erkennest, so du ein lerer des gesetzes bist, und das weib, das ein ungelert, arm weib ist, mich erkennet.
Darümb lobet er da nicht allein die liebe, sondern den gantzen Cultum odder Gottesdienst, den glauben mit den früchten, und nennet doch fur dem Phariseo die frucht. Denn man kann den glauben im hertzen andern nicht weisen und anzeigen denn durch die früchte, die beweisen fur den menschen den glauben im hertzen. Darümb wil Christus nicht, das die liebe und die werck sollen der schatz sein, daduch die sunden bezalt werden, welchs Christus blut ist. Derhalben ist dieser streit uber einer hohen, wichtigen sache, da den fromen hertzen und gewissen ihr höchster, gewister, ewiger trost an gelegen ist, nemlich von Christo, ob wir sollen vertrauen auff den verdienst Christi odder auff unser wercke. Denn so wir auff usere wercke vertrauen, so wird Christo sein ehre genomen, so ist Christus nicht der versüner noch der mitler und werden doch entlich erfahren, das solch vertrauen vergeblich sey und das die gewissen dadurch nur inn verzweiflung fallen. Denn so wir vergebung der sunde und versünung Gottes nicht one verdienst erlangen durch Christum, so wird niemands vergebung der sunde haben, er hab denn das gantz gesetz gehalten. Denn das gesetz macht niemands gerecht fur Gott, so lange es uns anklaget. Nu kan sich ja niemands rhümen, das er dem gesetz gnug gethan habe. Darümb müssen wir sonst trost suchen, nemlich an Christo.
Nu wöllen wir antworten auff die frage, welche wir oben angezeigt: Warümb die liebe oder dilectio niemands fur Gott gerecht mache. Die widdersacher dencken also, die liebe sey erfüllung des gesetzs, darümb were es wol war, das liebe uns gerecht macht, wenn wir das gesetz hielten. Wer darff aber mit warheit sagen odder rhümen, das er das gesetz halte und Gott liebe, wie das gesetz gebeut? Wir haben oben angezeigt, das darümb Gott die verheissung der gnaden gethan hat, das wir das gesetz nicht halten können, darümb sagt auch allenthalben Paulus, das wir durch das gesetz nicht können fur Gott gerecht werden.
Die widdersacher müssen hie wol weit feilen und der heuptfrage irre gehen, Denn sie sehen inn diesem handel allein das gesetz an; denn alle menschliche vernufft und weisheit kan nicht anders urteilen, denn das man durch gesetz müsse from werden, und wer eusserlich das gesetze halte, der sey heilig und from. Aber das Evangelium rücket uns herümb und wiset uns von dem gesetz zu den Göttlichen verheissungen und leret, das wir nicht gerecht werden durchs gesetz, denn niemand kann es halten, sondern dadurch,d as ums umb Christus willen versünung geschenckt ist, und die entpfahen wir allein durch den glauben. Denn ehe wir ein tittel am gesetz erfüllen, so mus erst da sein der glaub an Christum, durch wilchen wir Gotte versünet werden und erst vergebung der sunde erlangen. Lieber Herr Gott, wie dörffen doch die leute sich Christen nennen odder sagen, das sie auch die bücher des Evangelii einmal jhe ansehen odder gelesen haben, die noch dieses anfechten, Das wir vergebung der sunde durch den glauben an Christum erlangen? Ist es doch einem Christenmenschen schrecklich allein zu hören.
Zum andern ists gewis, das auch diejhenigen, so durch den glauben und heiligen geist neu geborn sind, doch gleichwol noch, solang dis leben weret, nicht gar rein sein, auch das gesetz nicht volkömlich halten. Denn wiewol sie die erstling des geists entpfahen und wiewol sich inn ihnen das neu, ja, das ewige leben angefangen, so bleibt doch noch etwas da von der sunde und böser lust und findet das gesetz noch viel, das es uns anzuklagen hat. Darümb, ob schon die liebe Gottes und gute werck inn Christen sollen und müssen sein, sind sie dennoch fur Gott nicht gerecht umb solcher ihrer werck willen, sondern um Christus willen durch den glauben. Und vertrauen auff eigene erfüllung des gesetzes ist eitel Abgötterey und lesterung Christi und fellet doch zuletzt weg und macht, das die gewissen verzweifeln.
Derhalben sol dieser grund fest stehenbleiben, das wir umb Christuus willen Gott angenem und gerecht sind durch glauben, nicht von wegen unser lieb und wercke. Das wollen wir also klar und gewis machen, das mans greiffen möge. Solange das hertz nicht fride fur Gott hat, kann es nicht gerecht sein, denn es fleucht fur Gottes zorn und verzweifelt und wolt, das Gott nicht richtet. Darümb kann das hetz nicht gerecht und Gott angenem sein, dieweil es nicht fride mit Gott hat.
Apologia der Confession verdeutscht aus dem Latin durch Justum Jonam: AC IV (Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche hg.v Dingel u.a. i.A. der EKD (V&R: 2014. S.322-332)








