Die 1. Bitte: Geheiligt werde Dein Name.
Das ist eine etwas dunkle Redeweise und kein gutes Deutsch; denn in unserer Muttersprache würden wir sagen: „Himmlischer Vater, hilf, dass allein dein Name heilig sei.“
Was meint nun diese Bitte mit den Worten, dass sein Name „heilig werde“? Ist Gottes Name nicht an sich heilig? Antwort: Ja, seinem Wesen nach ist er immer heilig, aber in unserm Gebrauch ist er nicht heilig. Denn der Name Gottes ist uns gegeben, als wir Christen wurden und wir getauft wurden, damit wir Kinder Gottes heißen und die Sakramente haben sollten, durch die er uns in sich einverleibt, sodass alles, was Gott gehört, auch uns gehören und dienen soll.
Das aber ist nun das große Anliegen, um das wir uns am meisten sorgen sollen, dass der Name Gottes geehrt werde, dass er als unser größter Schatz und unser höchstes Heiligtum, das wir haben, heilig und in Ehren gehalten werde; wir als seine frommen Kinder sollen darum bitten, dass sein Name, der im Himmel ganz und gar heilig ist, auch bei uns auf der Erde und in aller Welt heilig sei und bleibe.
Wie wird nun der Name Gottes unter uns heilig? Die Antwort lautet, um es so klar wie möglich zu sagen: Wenn sowohl unsere Lehre als auch unser Leben Gott gemäß und christlich sind. Denn weil wir in diesem Gebet Gott unsern Vater nennen, so sind wir es auch schuldig, uns stets wie fromme Kinder zu verhalten und ihm nicht Schande, sondern durch unser Leben Ehre und Ruhm zu bereiten.
Nun wird Gott von uns entweder durch Worte oder durch Taten entheiligt (denn was wir auf Erden tun, ist entweder Wort oder Tat, Reden oder Handeln).
Erstens also wird Gottes Name entheiligt, wenn man unter Berufung auf den Namen Gottes etwas Falsches und Verkehrtes predigt, lehrt und redet, sodass sein Name die Unwahrheit bemänteln und beschönigen muss. Hierdurch wird dem göttlichen Namen die größte Schande und Unehre bereitet; außerdem auch da, wo man in grober Weise den heiligen Namen Gottes zum Schwören, Fluchen, Zaubern usf. missbraucht.
Zweitens wird Gottes Name auch durch ein offenkundig böses Leben und Tun entheiligt, wenn jene, die sich Christen und Gottes Volk nennen, Ehebrecher, Säufer, Geizhälse, Neider und Verleumder sind. Da wird gleichfalls Gottes Name unsertwegen in Schande gebracht und gelästert.
Denn ebenso wie es für einen leiblichen Vater eine Schande und Unehre ist, ein böses und ungeratenes Kind zu haben, das mit Wort und Tat ihm zuwiderhandelt, sodass er des Kindes wegen verachtet und geschmäht wird, so gereicht es auch Gott zur Unehre, wenn wir, die wir nach seinem Namen genannt sind und viel Gutes von ihm haben, anders lehren, reden und leben als es fromme Kinder Gottes tun; denn dann muss er hören, dass man von uns sagt, dass wir nicht Kinder Gottes, sondern nur des Teufels Kinder sein
könnten.
So siehst du, dass wir in dieser Bitte genau das erbitten, was Gott im zweiten Gebot fordert, nämlich dass man seinen Namen nicht zum Schwören, Fluchen, Lügen, Betrügen usf. missbrauchen solle, sondern ihn nutzbringend zu Gottes Lob und Ehre gebrauchen solle. Denn wer den Namen Gottes zu irgendetwas Bösem gebraucht, der entheiligt und entweiht diesen heiligen Namen, so wie man früher eine Kirche entweiht nannte, wenn ein Mord oder eine andere Schandtat darin begangen worden war; oder so wie man früher eine Monstranz oder eine Reliquie entehren konnte, die zwar als solche heilig war, aber für den Gebrauch entheiligt werden konnte.
So ist nun diese Bitte leicht und klar verständlich, wenn man nur den Sprachgebrauch versteht, dass „heiligen“ so viel wie loben, preisen und ehren heißt, sowohl durch Worte als auch durch Taten. Da siehst du nun, wie überaus nötig solches Gebet ist; denn wir sehen, dass die Welt voller Sektierer und Irrlehrer ist, die alle mit dem heiligen Namen Gottes ihre teuflische Lehre rechtfertigen; darum sollten wir eigentlich unaufhörlich Gott anrufen und zu ihm schreien, damit jenen gewehrt werde, die sowohl Falsches predigen und glauben als auch das Evangelium und die reine Lehre bekämpfen, verfolgen und unterdrücken, wie es die Bischöfe, Tyrannen, Schwärmer und andere tun. Auch unsertwegen sollten wir Gott anrufen; denn wir haben zwar Gottes Wort, aber sind nicht dankbar dafür und leben nicht danach, wie wir es sollten.
Wenn du nun darum von Herzen bittest, kannst du gewiss sein, dass solches Gebet Gott gefällt. Denn er hört nichts lieber, als wenn seine Ehre und sein Ruhm über alles erhoben und sein Wort rein gelehrt, geehrt und geachtet wird.
Die 2. Bitte: Dein Reich komme.
In der ersten Bitte haben wir darum gebeten, dass Gott es verhindern möge, dass die Welt ihre Lügen und ihre Bosheit mit dem Namen und dem Ansehen Gottes bemäntelt. Stattdessen soll sie den Namen Gottes in Lehre und Leben heilig und in Ehren halten, und wir sollen ihn loben und preisen. Hier beten wir nun darum, dass auch sein Reich kommen möge.
Aber ebenso wie Gottes Name als solcher heilig ist und wir dennoch bitten, dass er auch bei uns heilig sei, so kommt auch sein Reich ohne unser Bitten ganz von selbst. Dennoch bitten wir, dass es auch zu uns kommt, d. h., dass es unter uns und bei uns ist und wir zu denen gehören, bei denen sein Name geheiligt wird und sein Reich gegenwärtig ist.
Was ist nun Gottes Reich? Antwort: Nichts anderes als das, wovon wir eben im Glaubensbekenntnis gehört haben, nämlich dass Gott seinen Sohn, Christus, unsern Herrn, in die Welt geschickt hat, um uns von der Macht des Teufels zu erlösen und zu befreien und uns zu sich zu bringen und als König der Gerechtigkeit, des Lebens und der Seligkeit zu regieren, sodass Sünde, Tod und böses Gewissen uns nicht mehr beherrschen; dazu hat Gott uns auch seinen Heiligen Geist gegeben, der uns durch sein heiliges Wort dies alles zueignet und uns durch seine Kraft im Glauben erleuchtet und stärkt.
Darum bitten wir nun in dieser Bitte zuerst darum, dass dies alles bei uns Wirklichkeit wird; dass sein Name durch die Verkündigung des heiligen Wortes Gottes und durch ein christliches Leben so verherrlicht wird, dass wir, die wir das Wort Gottes angenommen haben, bei ihm bleiben und täglich im christlichen Leben wachsen. Zum andern bitten wir darum, dass das Wort Gottes auch bei andern Menschen Zuspruch und Zustimmung findet und es sich gewaltig in der Welt ausbreitet, damit viele, durch den Heiligen Geist
herzugebracht, in das Gnadenreich kommen und der Erlösung teilhaftig werden und wir alle zusammen ewig in dem Königreich bleiben, das jetzt schon unter uns angefangen hat.
Dr. Martin Luther, Großer Katechismus: Vateruser (GK III,35-52)