Kommentar: Tag der Befreiung

Befreiung

Die Kapitulation des “Dritten Reiches”, der Tag der Befreiung am 8. Mai vor 70 Jahren ist Anlass dieses Beitrages. Ist es notwendig, ein kirchliches Schuldbekenntnis abzulegen und wie ist ein solches Bekenntnis theologisch einzuordnen? Diesen Fragen widmet sich der Kommentar von Bischof Hans-Jörg Voigt D.D. von der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK).

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70 Jahre liegt das Grauen nun zurück und lässt uns immer noch nicht los. Mir kommt der Schluss der Zehn Gebote aus Luthers Kleinem Katechismus in den Sinn: “Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der über die, so mich hassen, die Sünde der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied; aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl in tausend Glied.” Neulich erschien im Freiburger Verlag Herder das Buch “Wir Kinder der Kriegskinder”. Anne-Ev Ustorf beschreibt darin besonders am Beispiel von Flüchtlingsfamilien, wie die Erfahrungen der Väter und Mütter fortwirken können an den Kindern “bis ins dritte und vierte Glied” und wie befreiend und entlastend es sein kann, darüber ins Nachdenken einzutreten. “In der Forschung ist längst bekannt, dass traumatische oder belastende Erfahrungen, wenn sie nicht aufgearbeitet wurden, auf die nächste Generation übertragen werden können – man nennt diesen Prozess ,transgenerationale Weitergabe'”, schreibt Ustorf.

Beim Stichwort “Schuld” müssen wir aus kirchlichem Blickwinkel genauer hinsehen. Schuld und Vergebung sind etwas sehr Persönliches. Um Vergebung bitten kann ich nur für etwas, das ich selbst begangen habe. So habe ich nach und nach begriffen, dass ich selbst nicht schuld bin an den historisch einmaligen Ungeheuerlichkeiten, die von 1933 bis 1945 begangen wurden. Jeder hat heute Jesus Christus für seine eigenen Sünden um Vergebung zu bitten. Es ist wichtig, diesen geistlichen und theologischen Schuldbegriff ernst zu nehmen, denn es hat Gott viel gekostet, dass er die Sünden der Welt seinem einzigen Sohn auf die Schultern legte. Es liegt nämlich auch eine gewisse Versuchung darin, fremde Schuld zu bekennen. Sie lässt sich nämlich leichter meiden als die eigenen Lieblingssünden. Zu einem geistlichen Gebrauch des göttlichen Gesetzes, das mir meine Sünden zeigt, gehört auch ein solches geistliches Verständnis von Schuld.

Auf der anderen Seite hat Gottes Gesetz auch eine politische Bedeutung. Wir stehen als Bürger dieses Landes in einer gesellschaftlichen und politischen Mitverantwortung für die Folgen der Schuld, die von 1933 bis 1945 durch Deutsche getan wurden. Deshalb ist auch von gesellschaftlicher Schuld zu sprechen, denn die lutherische Theologie kennt neben dem oben angesprochenen, Sünde aufzeigenden Gebrauch des Gesetzes (usus legis elenchticus) einen politisch-gesellschaftlichen Gebrauch des Gesetzes (usus legis politicus).

In diesem gesellschaftlich-politischen Sinn ist es auch erforderlich zu bekennen, dass unsere Kirche, die damals in verschiedenen selbstständigen evangelisch-lutherischen Bekenntniskirchen bestand, schuldig geworden ist, weil sie eben auch Teil der damaligen Gesellschaft war. Vorherrschende Anschauungen, die sich eher aus politischen Haltungen und nicht haltbaren Vorurteilen speisten, hatten auch in der Kirche Geltung erlangt. Wir bekennen eine gesellschaftliche Mitschuld am Völkermord an mehr als 6 Millionen Juden. Als Kirche bekennen wir, dass es auch in den Vorgängerkirchen der SELK antijüdische Einstellungen gab, wenn zum Beispiel “von den schädlichen Einflüssen des jüdischen Geistes” auf das “deutsche Volksleben” (Evangelisch-Lutherische Freikirche, 1935) die Rede war. Behinderte Schutzbefohlene, Judenchristliche Gemeindeglieder oder Amtsträger und eine jüdische Diakonisse wurden der Diskriminierung ausgesetzt und schließlich sogar zur Deportation freigegeben. Ich greife in meinem Büro ins Bücherregal und schlage die “Agende der Evangelisch-lutherischen Kirche Altpreußens” aus dem Jahr 1935 auf Seite 177 auf und lese: “Geburtstag des Führers – Herr, unser Gott, am heutigen Tage gedenken wir in besonderer Weise des Führers und Kanzlers unsers Volkes. Du hast ihn mit deiner Barmherzigkeit bisher geleitet und sein Wirken mit Erfolg gesegnet.” Die schon seit 1933 erkennbare Ausgrenzung von Mitbürgern, die dem nationalsozialistischen System unlieb waren, wurde gar nicht vermerkt. 1938 wurde dann den Pfarrern ohne Not der Treueeid auf den Führer Adolf Hitler abverlangt. Hier sind schweres Unrecht und tiefe moralische Schuld zu bekennen.
Die Frage eines Schuldbekenntnisses wurde in der Vergangenheit in unserer Kirche reflektiert. Mir ist bewusst, dass das, was ich hier schreibe, über das hinausgeht, was bisher zu diesem Thema gesagt wurde.

Ich schreibe diese Zeilen in Demut mit dem Wissen, dass ich selbst wohl kaum die Kraft und die innere Freiheit aufgebracht hätte, dem Unrecht zu widerstehen. Ich schreibe diese Zeilen auch in dem Wissen, dass das deutsche Volk selbst furchtbar bitter für dieses Unrecht bezahlen musste. Zudem sind mir Beispiele von Einzelpersonen wichtig, die gegen die damalige Mehrheitsmeinung gehandelt haben. Ich denke an einen meiner Amtsvorgänger im Greifswalder Pfarramt, Pfarrer Gerhard Stief, der sich persönlich und direkt für die Entlassung eines jüdischen Gemeindegliedes aus dem Konzentrationslager eingesetzt hat. Der Mediziner Professor Bibergeil lebte in einer sogenannten “Mischehe”, weshalb die Intervention seines Gemeindepfarrers überhaupt erfolgreich sein konnte. Professor Bibergeil hat diese Zeit überlebt. Pfarrer Stief wurde unmittelbar nach dieser Intervention zum Wehrdienst eingezogen und fiel bald darauf an der Ostfront. Ich halte es für notwendig, solche Einzelbeispiele ebenfalls dem Vergessen zu entreißen, da sie für eine nachwachsende Generation Identifikation ermöglichen.

Sehr genau erinnere ich mich an den 8. Mai 1985. Ich war als junger Theologiestudent zu Besuch bei Großmutter in Zwickau. In Zwickau war es möglich, anders als in Dresden, “Westfernsehen” zu empfangen. So konnte ich mehr oder weniger zufällig die Rede des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker mit hören und sehen. Dort nannte er den 8. Mai 1945 einen “Tag der Befreiung”. Und im Moment dieser Rede war unmissverständlich anhand der Klarheit und Wahrhaftigkeit ihrer Gedanken klar, welche Bedeutung sie haben würde: “Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.” Wieder einmal hatte es 40 Jahre gedauert, bis solche Klarheit in aller Verworrenheit des Betroffenseins möglich war. Diese Klarstellung von Weizsäckers machte es erst möglich, dass das Leid der deutschen Kriegsopfer in angemessener Weise öffentlich thematisiert werden konnte.

Wo war Gott? In seiner Rede vom 8. Mai 1985 zitiert von Weizsäcker eine jüdische Weisheit: “Das Vergessenwollen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung.” In diesen Worten ist sehr viel Wahrheit enthalten. So halte ich die Erinnerungskultur in unserem Land für eine besondere Stärke. Erinnerung ist insofern Erlösung, als dass aus Erinnerung Einsicht und Verstehen wachsen, wenn sie denn ihr Urteil über das Geschehene an den Geboten Gottes und an seinem Willen bilden. Dies kann freilich nur in demütigem Bewusstsein eigener Schuldverfallenheit und Fehlsamkeit geschehen. In Christus gilt die große Verheißung aus dem Schluss der göttlichen Gebote auch uns: “Aber denen, so mich lieben und meine Gebote halten, tue ich wohl in tausend Glied.” Als Christen wissen wir, dass Erlösung letztendlich in Jesus Christus in seinem Opfertod am Kreuz ein für alle Mal geschehen ist. Der Philosoph Robert Spaemann hat einmal auf die Frage “Wo war Gott in Auschwitz?” die kürzeste und aus meiner Sicht einzig mögliche Antwort gegeben: “Er war am Kreuz.”
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Ein Kommentar von selk_news [8.5.2015]
Redaktion: SELK – Gesamtkirche.
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Verfasser: Bischof Hans-Jörg Voigt D.D., Bischof@selk.de.
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About Wilhelm Weber jr

Rector of the Lutheran Theological Seminary in Tshwane
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