Und was denke ich vom neuen Papst?

Franziskus IMein lieber Freund Stefan fragte mich, was ich den vom neuen Papst denke. Hier einige Gedanken dazu: “In der vergangenen Woche hat die römische Kirche einen neuen Bischof und Papst gewählt: Franziskus I. Das ist schon erstaunlich, wie in kürzester Zeit der Einfluss von Benedikt XVI schwindet und ein anderer Geist weht. Das heißt natürlich nicht, dass Rom jetzt Wittenberg oder gar Genf wird. Im Gegenteil. Maria ist wieder ganz hoch im Kurs – und zwar mit allen Heiligen – angeblich als Mittler des Heils. Sie wird wie schon lange in der römischen Kirche üblich im Gebet angerufen um Hilfe und Erbarmen – und zwar auf Kosten ihres lieben und eingeborenen Sohnes Jesus Christus, der doch ganz alleine Heiland und Seligmacher, ja Retter aus aller Not ist. Er, das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt – und zwar alleine und ohne Hilfe, auch wenn die Frauen ihm unterwegs mitleidig Wasser reichen und der Simeon ihm das Kreuz streckenweise abnimmt. Dennoch ist es er – und er allein Mittler zwischen Gott und den Menschen – der genug getan hat für uns und um unserer Seligkeit willen. Er hat das vollbracht, vollkommen und ausreichend ein für allemal. Lob sei ihm in Ewigkeit! Amen!

Ich glaube natürlich auch, dass der argentinische Bahnarbeitersohn populistischer als der Gendarmensohn aus Bayern ist – und zwar auch nicht nur im schlechten Sinne. Es fällt einem, der gerne U-Bahn fährt, in bescheidenen Umständen lebt, sich selber das Essen kocht, sich höchst persönlich auf die Füße macht, um die Opfer des Diskothekenbrandes im Hospital auf der Unfallstation aufzusuchen und dann die riesige Menge auf dem Petersplatz mit freundlichem Lächeln und leichtem Winken einen schönen Abend wünscht (“buona sera” (Guten Tag)  und sie schlussendlich – nach nur ganz kurzem Gruß, der wohl kaum eine Predigt war – mit der liebevollen Aufforderung entlässt: Ruht Euch gut aus! – leichter menschenfreundlich zu erscheinen als ein gelehrter deutscher Professor, der am liebsten nachmittags alleine Klavier spielt oder Bücher schreibt (auch alleine!).

Damit kein Missverständnis entsteht, beide – und besonders Benedikt XVI – haben mich zutiefst – und zum Teil auch positive – beeindruckt. Benedikt vor allem, weil er dem Ruf gefolgt ist, wohin er aus Neigung wahrscheinlich gar nicht gehen wollte, sondern zum Wohl der Kirche und im Dienst seines Herrn. Er ist über seinen eigenen Schatten gesprungen – mehrmals – und hat getan, was von ihm verlangt wurde. Sicherlich aus Gehorsam und Pflichtsbewusstsein. Dass er nun vorzeitig in den Ruhestand gegangen ist, war natürlich auch überaus verantwortungsvoll. Niemals bloß eine Flucht, sondern in Erkenntnis der eigenen Mangelhaftigkeit und zunehmenden Schwäche. Aber es geht jetzt nicht um Benedikt, sondern um seinen Nachfolger.

Als Jesuit ist dieser eigentlich gar nicht zum Bischofsamt wählbar, außer wenn er dazu Dispens erlangt und von seinen Oberen dazu aufgefordert wird. Also auch das ein Gehorsamsbeweis – und nicht aus eigenem Willen oder Ehrgeiz. Franziskus ist von Papst Johannes Paul II zum Weihbischof und dann zum Kardinal bestimmt worden – und jetzt überraschend schnell in nur 5 Wahlgängen (?) – vom Kardinalskollegium als Nachfolger Petri gewählt.  Ich glaube nicht, dass dieser Papst Rom verändert – wenigstens nicht reformiert im lutherischen Sinne. Da gaben Benedikts theologischen Äußerungen viel mehr Grund zum Aufhorchen. Ich glaube nicht, dass Franziskus I in dieser Hinsicht auf sich aufmerksam machen wird. Da sind die vielen Wünsche, Vorschläge oder gar Aufforderungen und Anweisungen, die in diesen Tagen von außen in Richtung Vatikan verschickt wurden eher lächerlich und weltfremd, obwohl sie diese Weltfremdheit ja gerade dem Vatikan vorwerfen. Vielmehr denke ich, dass es jetzt volkstümlicher, frömmer, vielleicht leutseliger und wahrscheinlich viel römischer werden wird – so wie es in Südamerika ja schon längst unabhängig von Europa zugeht. Es wird auch mehr Spanisch als Deutsch sein, mehr südländisch, mehr fürs Auge und Gemüt d.h. mehr Fußball und Tango als Universität und Klavier. Vielleicht sogar weniger Theologie und mehr Praxis – auch wenn das eine schreckliche Verallgemeinerung ist, weil die Theologie auch bei Franziskus ganz feststeht und auch überhaupt nicht in Frage gestellt wird. Daran wird nichts gerüttelt. Da sind sich die 100+ Kardinäle im Konklave alle einig gewesen – und zwar sicherlich sogar mit ihren weiteren ueber tausend Bischöfen. Da gilt nicht eine Stimme in der Wueste wie die eines Ausscherers wie Küng. Eine Schwalbe macht keinen Sommer! Diese alten, grauen (weissen!) Kardinaele sind da, weil sie gerade nicht Aussteiger sind, sondern Rom über Jahre treu die Stange gehalten haben. Sie sind nicht für Innovation oder Veränderung im grundsätzlichen Sinne bekannt oder bestellt. Vielmehr geht es ihnen allen darum, das altbewährte in Theologie und Kirche in die Tat umzusetzen, liebevoll und hoffnungsvoll in der Nachfolge des Herrn wie sie es verstehen und auch von ihrer Kirche übernommen haben. Der Argentinier mit Italienischen Wurzeln wird sich noch weniger um die kirchenfremde Presse in Deutschland und der sogenannten westlichen Welt scheren müssen als es Benedikt XVI vielleicht noch getan hat – und schon gar nicht um irgendwelche unerhörten Aufforderungen von komischen Vögeln, die in ihrem Wahnwitz träumen und phantasieren, dass der Fels Petri nun endlich anfangen wird an der Substanz der kirchlichen Gemaeuer, Traditionen und christlichen Gewohnheiten zu wackeln oder gar grundsätzlich was zu ändern. Welch irrsinnige Wahnvorstellung! Welch grundsätzliche Misskonzeption von der Kirche und auch von dem was ein Bischof, Kardinal oder auch Papst kann, soll und will.  Dieser neue Papst wird vielleicht (und hoffentlich!) noch mehr tun, um den bürokratischen Laden (um nicht zu sagen „die Misswirtschaft“) im Vatikan aufzuräumen, wird bestimmt mehr Gehör den Armen im Lande und aller Welt schenken und die Reichen und Wohlhabenden ebenda – Personen und Länder –  mehr und eindringlicher auffordern von ihrem Reichtum abzugeben und viel williger Verzicht zu üben als sie es bisher gewohnt waren. Es wird bestimmt nicht langweilig werden, obwohl es bestimmt nicht zu einer Reformation im theologischen Sinne kommen wird. Das habe ich eher naiv bei Benedikt XVI gehofft. Jetzt glaube ich, ist es an der Zeit für die Römische Kirche zu feiern, was sie bereits seit Dekaden ist – eine lebendige, bunte und weitverbreitete Kirche im Süden des Globus: Südamerika, Afrika und Asien! Zwar hat sie immer noch viele Glieder in Europa und N.Amerika, aber die sehnen sich ja auch schon lange nach etwas südländischem Aufbruch und etwas mehr Stimmungsmache  – und sie wird das mit Selbstbewusstsein tun und viel Vertrauen, mit Menschennähe, mit noch mehr Tanz und Gesang, mit Pomp und Aufzügen, mit Ritual und publikumswirksamen Gepränge, auch mit Reden, Predigen, Gebeten mit dem ganzen kirchlichen Aufgebot, das Rom zur Verfügung steht – aber sicher nicht so sehr mit Büchern, wissenschaftlichen Abhandlungen und gescheitem Abwägen pro et contra – und noch weniger mit ernsthaften theologischen Infragestellungen vom Papstum und der Heilsmittlerschaft Marias. Es wird theologisch eindeutiger (d.h. provokanter/kontroverser) , noch konservativer im roemischen Sinne und vor allem volksnäher (populistisch) sein.

Bei allem sind wir aber auch weiterhin gefragt für die ganze Christliche Kirche zu beten – und zwar zum alleinigen Herrn der Kirche: Herr, erbarme Dich + „Alle Bischöfe, Pfarrer und Diener der Kirche im heilsamen Wort und heiligem Leben erhalten, allen Rotten und Ärgernissen wehren, alle Irrigen und Verführten wiederbringen, den Satan unter unsere Füße treten, treue Arbeiter in Deine Ernte senden, Deinen Geist und Kraft zum Worte geben …“ (Litanei)

About Wilhelm Weber

Pastor at the Old Latin School in the Lutherstadt Wittenberg
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