Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der wilden Stiere (Psalm 22,22ff)

“Vor dem Kampf” von Friedrich Wilhelm Karl Kuhnert (* 28. September 1865 – † 11. Februar 1926) 

Hilf mir aus dem Rachen des Löwen und vor den Hörnern der wilden Stiere – du hast mich erhört! Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen: Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs, und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels! Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu ihm schrie, hörte er’s. Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten. Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden;  und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben. Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker. Denn des HERRN ist das Reich, und er herrscht unter den Völkern. Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden; vor ihm werden die Knie beugen alle, die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten. Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen; vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird. Denn er hat’s getan. 

Psalm 22,22-31 verdeutscht von Dr. Martin Luther (Revision 2017)

Des Morgens, wenn Du aufstehst, kannst Du Dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen: 

Das walte Gott Vater + Sohn und Heiliger Geist! Amen

Apostolische Glaubensbekenntnis 

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. 

Und an Jesum Christum, seinen einigen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel; sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten. 

Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.

Vaterunser 

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen (Luthers Morgensegen)

Ich danke Dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn, daß Du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte Dich, Du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, daß Dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in Deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde.

Als dann mit Freuden an Dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder was Dir Deine Andacht eingibt.

Kollekte für Jubilate.

Du Gott,
himmlischer Vater,
Deine Schöpfung singt Dir ihr Loblied –
die Vögel des Himmels,
die Tiere auf den Feldern und in den Wäldern.
Bäume, Sträucher und Blumen –
sie werfen Dir ihre Blütenpracht entgegen.
Dein Geist wecke unsere Sinne und unsere Seele,
damit wir dich loben und preisen.
Deinem Sohn, Jesus Christus,
auferstanden von den Toten,
gehört unsere Zukunft.
Amen.

Tagesgebet zu Jubilate.

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

1.Korinther 5,17

Lied aus dem lutherischen Kirchengesangbuch

All Ehr und Lob soll Gottes sein, er ist und heißt der Höchst allein, sein Zorn auf Erden hat ein End, sein Fried und Gnad sich zu uns wend, den Menschen das gefalle wohl, dafür man herzlich danken soll.

“Ach, lieber Gott, Dich loben wir, und preisen Dich mit ganzer Bgier, auch kniend wir anbeten Dich; Dein Ehr wir rühmen stetiglich. Wir danken Dir zu aller Zeit um Deine große Herrlichkeit.

Herr Gott im Himmel Kön´g Du bist, ein Vater, der allmächtig ist. Du Gottes Sohn, vom Vater bist einig geborn, Herr Jesu Christ. Herr Gott, Du zartes Gotteslamm, ein Sohn aus Gott des Vaters Stamm.

Der Du der Welt Sünd trägst allein, wollst uns gnädig barmherzig sein. Der Du der Welt Sünd trägst allein, laß Dir unser Bitt gefällig sein. Der Du gleich sizt dem Vater Dein, wollst uns gnädig, barmherzig sein.

Du bist und bleibst heilig allein, über alles der Herr allein. Der Allerhöchst allein Du bist, Du lieber Heiland Jesu Christ, samt dem Vater und Heilgen Geist in göttlicher Majestät gleich.”

Amen, das ist gewißlich wahr, das bekennt aller Engel Schar, und alle Welt, so weit und breit, Dich lobt und ehret allezeit. Dich rühmt die ganze Christenheit von Anfang bis in Ewigkeit.

Babstsches Gesangbuch Wittenberg 1545 (LKG 313)

Fortlaufende Lese

Und nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen.  Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.  Und ich will Wunderzeichen geben am Himmel und auf Erden: Blut, Feuer und Rauchsäulen.  Die Sonne soll in Finsternis und der Mond in Blut verwandelt werden, ehe denn der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.  Und es soll geschehen: Wer des HERRN Namen anrufen wird, der soll errettet werden. Denn auf dem Berge Zion und zu Jerusalem wird Errettung sein, wie der HERR verheißen hat, und bei den Entronnenen, die der HERR berufen wird. 

Joel 3,1-5

Morgenlese

Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist. Ob nun ich oder jene: So predigen wir, und so habt ihr geglaubt.

Wenn aber Christus gepredigt wird, dass er von den Toten auferweckt ist, wie sagen dann einige unter euch: Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferweckt worden. Ist aber Christus nicht auferweckt worden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; dann sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren. Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen

Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird; danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt. Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat. Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem. 

1. Korinther 15,10-28

Abendlese

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. 6 Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern, die da scheide zwischen den Wassern. 7 Da machte Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem Wasser über der Feste. Und es geschah so. 8 Und Gott nannte die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der zweite Tag. 9 Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an einem Ort, dass man das Trockene sehe. Und es geschah so. 10 Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. 11 Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringe, und fruchtbare Bäume, die ein jeder nach seiner Art Früchte tragen, in denen ihr Same ist auf der Erde. Und es geschah so. 12 Und die Erde ließ aufgehen Gras und Kraut, das Samen bringt, ein jedes nach seiner Art, und Bäume, die da Früchte tragen, in denen ihr Same ist, ein jeder nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 13 Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. 14 Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre 15 und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. 16 Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. 17 Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde 18 und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. 19 Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. 20 Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier, und Vögel sollen fliegen auf Erden unter der Feste des Himmels. 21 Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, das da lebt und webt, davon das Wasser wimmelt, ein jedes nach seiner Art, und alle gefiederten Vögel, einen jeden nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 22 Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und erfüllet das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich mehren auf Erden. 23 Da ward aus Abend und Morgen der fünfte Tag. 24 Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendiges Getier, ein jedes nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art. Und es geschah so. 25 Und Gott machte die Tiere des Feldes, ein jedes nach seiner Art, und das Vieh nach seiner Art und alles Gewürm des Erdbodens nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. 26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau[1]. 28 Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht. 29 Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, auf der ganzen Erde, und alle Bäume mit Früchten, die Samen bringen, zu eurer Speise. 30 Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so. 31 Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag. 

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. 2 Und so vollendete Gott am siebenten Tage seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tage von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. 3 Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

Genesis (1. Mose) 1,1-2,3

Bekenntnislese

Wir haben genug gemahnt und gewarnt; wer es nicht wahrhaben und glauben will, der lasse es bleiben, bis ers erfahre. Doch muss man dieses der Jugend einprägen, dass sie sich in acht nehmen und nicht dem gottlosen Haufen nachlaufen, sondern Gottes Gebot vor Augen haben, damit nicht Gottes Zorn und Strafe auch über sie komme. Unsere Aufgabe ist keine andere als Gottes Wort zu sagen und mit Gottes Wort zu strafen. Aber dass man solcher öffentlichen Willkür steuere, das ist die Aufgabe der Fürsten und des Staates. Die haben selber Augen und müssten den Mut haben, in den Dingen des Handelns, des Kaufens und Verkaufens Ordnung durchzusetzen und zu halten, damit die Armen nicht beschwert und unterdrückt werden und sie nicht noch die Last fremder Sünden zu tragen hätten.

Das sei genug über das, was Stehlen heißt. Man darf es nicht so eng fassen, sondern muss es auf alles beziehen, soweit es den Nächsten betrifft. Um es kurz zusammenzufassen, wie es bei den vorhergehenden Geboten geschehen ist: Es ist erstens verboten, dem Nächsten Schaden und Unrecht zu tun (auf welche Weise es auch immer geschehen mag, dass man Hab und Gut des Nächsten mindert, dass man ihm etwas vorenthält oder fortnimmt), auch nicht darin einwilligt und es gestattet, sondern dem wehrt und es verhütet.

Zum andern ist geboten, des Nächsten Gut zu fördern und gedeihen zu lassen und, wo er Not leidet, zu helfen, zu teilen und – ob Freund oder Feind – das Nötige vorzustrecken. Wer nun gute Taten tun möchte, wird hier übergenug finden, die Gott von Herzen angenehm sind und ihm gefallen und die er außerdem noch mit reichem Segen begnadet und überschüttet. Es soll reichlich vergolten werden, was wir unserm Nächsten Gutes tun, wie auch der König Salomo lehrt: „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht dem Herrn, der wird ihm vergelten, was er Gutes getan hat“ (Spr. Sal. 19,17).

Da hast du einen reichen Herrn, der dir gewiss genug geben und es dir an nichts
fehlen lassen wird. So kannst du mit fröhlichem Gewissen hundertmal mehr genießen, als wenn du durch Untreue und Unrecht das Deine zusammenscharrst. Wer nun diesen Segen nicht mag, der wird Zorn und Unglück genug finden.

Das 8. Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Außer unserm Leib, dem ehelichen Gemahl und dem zeitlichen Gut haben wir noch einen Schatz, nämlich die Ehre und den guten Ruf, die wir auch nicht entbehren können. Denn es ist wichtig, bei den Menschen nicht in öffentlicher Schande zu stehen und nicht von jedermann verachtet zu werden. Darum will Gott, dass dem Nächsten der gute Ruf, die Ehre und das gute Ansehen ebensowenig genommen und gemindert werden wie Geld und Gut, damit jeder von seiner Frau, seinen Kindern, seinen Angestellten und seinen Nachbarn als ehrenhaft dastehe. Und das ist die erste und eigentliche Bedeutung dieses Gebots, dass es sich, so wie die Worte lauten (“Du sollst nicht falsch Zeugnis reden“), auf das Verhalten vor Gericht bezieht, wo man etwa einen armen unschuldigen Mann verklagt und durch falsche Zeugen belastet, damit er an Leib, Gut oder Ehre gestraft werde.

Das scheint uns nun wenig anzugehen, aber bei den Juden kam dies sehr häufig vor, denn das jüdische Volk hatte eine gute Verfassung und Ordnung, und wo solch eine gute Verfassung und Ordnung ist, da geht es ohne diese Sünde nicht ab. Die Ursache ist folgende (denn wo es Richter, Bürgermeister, Fürsten oder andere obrigkeitliche Personen gibt, da kann es nicht anders sein, als dass es nach dem Lauf der Welt zugeht): Man will niemand gern beleidigen, man heuchelt und redet nach Gunst, man verspricht sich dadurch späteren Vorteil und nimmt Rücksicht auf Freundschaft und Geld. Der arme Mann aber wird mit seiner Sache unterdrückt, er muss Unrecht haben und Strafe leiden. Und das ist ein allgemeines Übel in der Welt, dass im Gericht selten fromme und rechtschaffene Leute sitzen.

Denn um Richter zu sein, muss jemand vor allen Dingen ein rechtschaffener Mann sein, und nicht allein ein rechtschaffener Mann, sondern auch ein weiser und gescheiter, ja auch ein kühner und mutiger Mann. Ebenso muss auch ein Zeuge ein mutiger, dazu vor allem auch ein rechtschaffener und frommer Mann sein. Denn wer alle Sachen gerecht entscheiden und mit dem Urteil einmal durchgreifen will, wird oftmals gute Freunde, Verwandte und Nachbarn, auch reiche und einflussreiche Menschen erzürnen, die ihm sehr von Nutzen sein oder ihm auch schaden können. Darum muss er sich blind stellen, Augen und Ohren schließen, nichts anderes sehen und hören als allein die Sache selbst, um die es geht, und dann sein Urteil fällen.

Darauf nun bezieht sich dieses Gebot zuerst, dass ein jeder seinem Nächsten zu seinem Recht helfe und nicht zulasse, dass es gebeugt und ihm vorenthalten werde. Sondern man soll das Recht fordern und über dem Recht wachen, gleichviel, ob man Richter oder Zeuge ist und um welche Sache es auch immer gehen mag.

Und insbesondere ist dies unsern Herren Juristen gesagt, sie sollen zusehen, dass sie recht und aufrichtig mit den Rechtssachen umgehen und, was Recht ist, auch Recht bleiben lassen und umgekehrt auch nichts verdrehen und bemänteln oder verschweigen und alles tun ohne Rücksicht auf Geld und Gut, Ansehen und Einfluss. Dies ist das Eine, wovon dieses Gebot handelt, und der eigentliche Sinn, der sich auf alles bezieht, was vor Gericht geschieht.

Dann aber, zweitens, reicht sein Sinn noch viel weiter, wenn man es auf das „geistliche“ Gericht oder Regiment bezieht. Da geht es doch so zu, dass ein jeder gegen seinen Nächsten eine falsche Zeugenaussage macht. Denn wo es fromme Prediger und Christen gibt, gelten sie vor der Welt als Ketzer und Abtrünnige, ja als Revolutionäre und gefährliche Bösewichte. Außerdem muss sich Gottes Wort aufs Schändlichste und Giftigste verfolgen, lästern und als Lügner bezeichnen lassen. Man verdreht es und führt es falsch an und legt es falsch aus. Aber daran kann man nichts ändern; denn es ist der blinden Welt Art, dass sie die Wahrheit und die Kinder Gottes verurteilt und verfolgt
und es doch für keine Sünde hält.

Drittens – und das betrifft uns alle – ist in diesem Gebot alle Zungensünde verboten, durch die man dem Nächsten Schaden antut oder ihn kränkt. Denn „falsches Zeugnis reden“ geschieht ja mit dem Mund und mit der Zunge. Was man nun mit seinem Mundwerk dem Nächsten zum Schaden redet, das will Gott verhindert haben. Es seien falsche Prediger mit ihrer Lehre und ihrem Lästern, falsche Richter und Zeugen mit ihrem Urteilen oder sonst außerhalb des Gerichtes alles Lügen und jedes böse Gerede. Hierher gehört insbesondere das leidige, schändliche Laster der bösen Nachrede und des Verleumdens, mit dem uns der Teufel plagt und von dem viel zu reden wäre. Denn es ist ein allgemeines schändliches Übel, dass jedermann lieber Böses als Gutes über den Nächsten reden hört. Und obgleich wir selber böse sind und es nicht leiden können, wenn uns jemand etwas Böses nachsagt, sondern jeder gerne möchte, dass alle Welt das Beste von ihm redet, so können wir es doch nicht hören, wenn man das Beste von andern sagt.

Dr. Martin Luther: Großer Katechismus (7. und 8. Gebot)

+ Der Herr sei mit Euch +

Der Herr segne und behüte Dich.
Der Herr lasse Sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe Sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Seinen Frieden.

4. Mose 6,24-26

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About Wilhelm Weber

Pastor at the Old Latin School in the Lutherstadt Wittenberg
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