Wie oft trotzten sie ihm in der Wüste und betrübten ihn in der Einöde! Sie versuchten Gott immer wieder und kränkten den Heiligen Israels. Sie dachten nicht an seine Hand, an den Tag, da er sie erlöste von den Feinden, wie er seine Zeichen in Ägypten getan hatte und seine Wunder im Lande Zoan. Er verwandelte ihre Ströme in Blut, dass sie aus ihren Flüssen nicht trinken konnten. Er schickte Ungeziefer unter sie, das sie fraß, und Frösche, die ihnen Verderben brachten, und gab ihr Gewächs den Raupen und ihre Saat den Heuschrecken. Er schlug ihre Weinstöcke mit Hagel und ihre Maulbeerbäume mit Schloßen. Er gab ihr Vieh dem Hagel preis und ihre Herden dem Wetterstrahl. Er sandte die Glut seines Zorns unter sie, Grimm und Wut und Drangsal, eine Schar Verderben bringender Engel. Er ließ seinem Zorn freien Lauf und bewahrte ihre Seele nicht vor dem Tode und gab ihr Leben der Pest preis. Er schlug alle Erstgeburt in Ägypten, die Erstlinge ihrer Kraft in den Zelten Hams. Er ließ sein Volk ausziehen wie Schafe und führte sie wie eine Herde in der Wüste; und er leitete sie sicher, dass sie sich nicht fürchteten; aber ihre Feinde bedeckte das Meer.
Er brachte sie in sein heiliges Land, zu dem Berg, den seine Rechte erworben hat, und vertrieb vor ihnen her die Völker und verteilte ihr Land als Erbe und ließ in ihren Zelten die Stämme Israels wohnen. Aber sie versuchten Gott und trotzten dem Höchsten und hielten seine Gebote nicht; sie fielen ab und waren treulos wie ihre Väter und versagten wie ein schlaffer Bogen; sie erzürnten ihn mit ihren Höhen und reizten ihn zum Zorn mit ihren Götzen. Da Gott das hörte, entbrannte sein Grimm, und er verwarf Israel ganz. Er gab seine Wohnung in Silo dahin, das Zelt, in dem er unter Menschen wohnte. Er gab seine Macht in Gefangenschaft und seine Herrlichkeit in die Hand des Feindes.
Er übergab sein Volk dem Schwert und ergrimmte über sein Erbe. Ihre junge Mannschaft fraß das Feuer, und ihre Jungfrauen mussten ungefreit bleiben. Ihre Priester fielen durchs Schwert, und die Witwen konnten die Toten nicht beweinen. Da erwachte der Herr wie aus dem Schlaf, wie ein Starker, der vom Wein fröhlich ist, und schlug seine Feinde zurück und hängte ihnen ewige Schande an. Er verwarf das Zelt Josefs und erwählte nicht den Stamm Ephraim, sondern erwählte den Stamm Juda, den Berg Zion, den er liebt. Er baute sein Heiligtum wie Himmelshöhen, wie die Erde, die er gegründet hat für immer, und erwählte seinen Knecht David und nahm ihn von den Schafhürden; von den säugenden Schafen holte er ihn, dass er sein Volk Jakob weide und sein Erbe Israel. Und er weidete sie mit aller Treue und leitete sie mit kluger Hand.
Psalm 78,40-72 Lutherbibel, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Des Morgens, wenn Du aufstehst, kannst Du Dich segnen mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sagen:
Das walte Gott Vater + Sohn und Heiliger Geist! Amen
Apostolische Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesum Christum, seinen einigen Sohn, unsern Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geist, geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, niedergefahren zur Hölle, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten, aufgefahren gen Himmel; sitzend zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dannen er kommen wird zu richten die Lebendigen und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche, die Gemeinde der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.
Vaterunser
Vater unser im Himmel
Geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Willst du, so kannst du dies Gebet dazu sprechen (Luthers Morgensegen)
Ich danke Dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, Deinen lieben Sohn, daß Du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte Dich, Du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, daß Dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in Deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, daß der böse Feind keine Macht an mir finde.
Als dann mit Freuden an Dein Werk gegangen und etwa ein Lied gesungen oder was Dir Deine Andacht eingibt.
Kollekte an Invokavit
Herr Gott, himmlischer Vater, Du hast Deinen Sohn in die Welt gesandt, daß er des Teufels Tyrannei wehren und uns wider den Feind schützen möge. Wir bitten Dich, Du wollest uns in aller Anfechtung erhalten und uns Deinen Geist geben, daß wir dem Satan Widerstand leisten, ihn durch Dein Wort von uns treiben und den Sieg über ihn davontragen, durch unsern Herrn Jesus Christus Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert in Ewigkeit. Amen.
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.
1. Johannes 3,8
Lied aus dem lutherischen Kirchengesangbuch
Jesu Kreuz, Leiden und Pein, Deins Heilands und Herren, betracht, christliche Gemein,
ihm zu Lob und Ehren. Merk, was er gelitten hat, bis er ist gestorben, Dich von Deiner Missetat erlöst, Gnad erworben.Jesus, wahrer Gottessohn, auf Erden erschienen, fing bald in der Jugend an, als ein Knecht zu dienen; äußert sein göttlich Gewalt und verbarg ihr Wesen, lebt in menschlicher Gestalt; daher wir genesen.
Jesus richtet aus sein Amt versorgt seine Schäflein, eh er ward zum Tod verdammt aß ers Osterlämmlein, lehrt und rüst die Jünger sein, wusch ihn’ ihre Füße, setzt das heilig Nachtmahl ein, macht ihn’ das Kreuz süße.
Jesus ging nach Gottes Will in Garten zu beten; dreimal er da niederfiel in sein’ großen Nöten, rief sein’ lieben Vater an mit betrübtem Herzen, von ihm blutiger Schweiß rann
von Ängsten und Schmerzen.Jesus da gefangen ward, gebunden geführet und im Rat beschweret hart und zu Hohn gezieret; verdeckt, verspott’ und verspeit, jämmerlich geschlagen, auch verdammt aus Haß und Neid durch erdicht’ Anklagen.
Jesus ward früh dargestellt Pilatus dem Heiden; ob der wohl sein Unschuld meldt, dennoch mußt er leiden, ward gegeißelt und verkleidt, mit Dornen gekrönet, in seim großen Herzeleid aufs schmählichst gehöhnet.
Jesus, verurteilt zum Tod, mußt sein Kreuz selbst tragen in großer Ohnmacht und Not, ward daran geschlagen; hing mehr denn drei ganze Stund in groß Pein und Schmerzen; bittre Galle schmeckt sein Mund. O Mensch, faß’s zu Herzen!
Jesus rief am Kreuze laut: “Ach, ich bin verlassen! Hab Dir doch, mein Gott, vertraut, wollst mich nicht verstoßen. Gnad dem, der mir Hohn beweist jetzt in meim Elende. Ich befehl nun meinen Geist Dir in Deine Hände.”
Jesus: kein trauriger Stimm im Himmel und Erden ist nie erhört als von ihm vor Angst und Beschwerden, denn Gott drang und warf auf ihn unser aller Sünde, so je war von Anbeginn von Kind zu Kindskinde.
Jesus wußt von keiner Schuld, doch trug er die Strafe, leidt als ein Lamm mit Geduld, heiligt seine Schafe, nahm sich unser mächtig an, tat um die Sünd eben als hätt er sie selbst getan, es kost ihn sein Leben.
Jesus hat nun alls vollbracht durch sein teures Opfer, ein´ewigen Fried gemacht, versöhnt Gott den Schöpfer, hat die Handschrift weg getan, unser eigen Gwissen, die Schiedmauer abgetan, den Vorhang zerrissen.
Jesus ist das Weizenkorn, das im Tod erstorben und uns, die wir warn verlorn, das Leben erworben; bringt viel Frücht zu Gottes Preis, der´ wir stets genießen, gibt sein’ Leib zu einer Speis, sein Blut zum Trank süße.
Jesu, weil du bist erhöht zu ewigen Ehren: unsern alten Adam töt, den Geist tu ernähren; zeuch uns allesamt zu Dir, daß empor wir schweben; begnad unsers Geists Begier mit Deim neuen Leben.
Petrus Herbert 1566 (LKG 133)
Fortlaufende Lese
Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen: Ich bin der HERR, euer Gott. 3 Ihr sollt nicht tun nach der Weise des Landes Ägypten, darin ihr gewohnt habt, auch nicht nach der Weise des Landes Kanaan, wohin ich euch führen will. Ihr sollt auch nicht nach ihren Satzungen wandeln, 4 sondern nach meinen Rechten sollt ihr tun und meine Satzungen sollt ihr halten, dass ihr darin wandelt; ich bin der HERR, euer Gott. 5 Darum sollt ihr meine Satzungen halten und meine Rechte. Denn der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben; ich bin der HERR. 6 Keiner unter euch soll sich irgendwelchen Blutsverwandten nahen, um ihre Scham zu entblößen; ich bin der HERR. 7 Du sollst die Scham deines Vaters und die Scham deiner Mutter nicht entblößen. Es ist deine Mutter, darum sollst du ihre Scham nicht entblößen. 8 Du sollst die Scham der Frau deines Vaters nicht entblößen; denn es ist deines Vaters Scham. 9 Du sollst die Scham deiner Schwester, die deines Vaters oder deiner Mutter Tochter ist, nicht entblößen, sie sei daheim oder draußen geboren. 10 Du sollst die Scham der Tochter deines Sohnes oder deiner Tochter nicht entblößen, denn es ist deine eigene Scham. 11 Du sollst die Scham der Tochter der Frau deines Vaters, die deinem Vater geboren ist und deine Schwester ist, nicht entblößen. 12 Du sollst die Scham der Schwester deines Vaters nicht entblößen; denn sie ist deines Vaters Blutsverwandte. 13 Du sollst die Scham der Schwester deiner Mutter nicht entblößen; denn sie ist deiner Mutter Blutsverwandte. 14 Du sollst die Scham des Bruders deines Vaters nicht entblößen, seiner Frau sollst du dich nicht nähern; denn sie ist deine Verwandte. 15 Du sollst die Scham deiner Schwiegertochter nicht entblößen, denn sie ist deines Sohnes Frau; darum sollst du nicht ihre Scham entblößen. 16 Du sollst die Scham der Frau deines Bruders nicht entblößen; denn es ist deines Bruders Scham. 17 Du sollst nicht die Scham einer Frau samt der Scham ihrer Tochter entblößen, noch die Scham der Tochter ihres Sohnes oder der Tochter ihrer Tochter; denn sie sind ihre Blutsverwandten, und es ist eine Schandtat. 18 Du sollst die Schwester deiner Frau nicht ihr zuwider zur Frau nehmen und ihre Scham entblößen, solange deine Frau noch lebt. 19 Du sollst nicht zu einer Frau gehen, solange sie ihren Blutfluss hat, um in ihrer Unreinheit ihre Scham zu entblößen. 20 Du sollst auch nicht bei der Frau deines Nächsten liegen, dass du an ihr nicht unrein wirst. 21 Du sollst auch nicht eins deiner Kinder geben, dass es dem Moloch geweiht werde, damit du nicht entheiligst den Namen deines Gottes; ich bin der HERR. 22 Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel. 23 Du sollst auch bei keinem Tier liegen, dass du an ihm unrein wirst. Und keine Frau soll vor ein Tier treten, dass es sie begatte; es ist ein schändlicher Frevel. 24 Ihr sollt euch mit nichts dergleichen unrein machen; denn mit alledem haben sich die Völker unrein gemacht, die ich vor euch her vertreiben will. 25 Das Land wurde dadurch unrein, und ich suchte seine Schuld an ihm heim, dass das Land seine Bewohner ausspie. 26 Darum haltet meine Satzungen und Rechte und tut keine dieser Gräuel, weder der Einheimische noch der Fremdling unter euch – 27 denn alle solche Gräuel haben die Leute dieses Landes getan, die vor euch waren, sodass das Land unrein wurde –, 28 damit nicht auch euch das Land ausspeie, wenn ihr es unrein macht, wie es das Volk ausgespien hat, das vor euch war. 29 Denn alle, die solche Gräuel tun, werden ausgerottet werden aus ihrem Volk. 30 Darum haltet meine Satzungen, dass ihr nicht tut nach den schändlichen Sitten derer, die vor euch waren, und dadurch unrein werdet; ich bin der HERR, euer Gott.
3. Mose 18 (Leviticus)
Morgenlese
Den aber, der »eine kleine Zeit niedriger gewesen ist als die Engel«, Jesus, sehen wir durch das Leiden des Todes »gekrönt mit Herrlichkeit und Ehre«, auf dass er durch Gottes Gnade für alle den Tod schmeckte. 10 Denn es ziemte sich für den, um dessentwillen alle Dinge sind und durch den alle Dinge sind, der viele Kinder zur Herrlichkeit geführt hat, dass er den Anfänger ihrer Rettung durch Leiden vollendete. 11 Denn weil sie alle von einem kommen, beide, der da heiligt und die da geheiligt werden, darum schämt er sich auch nicht, sie Brüder und Schwestern zu nennen, 12 und spricht: »Ich will deinen Namen verkündigen meinen Brüdern und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.« 13 Und wiederum: »Ich will mein Vertrauen auf ihn setzen«; und wiederum: »Siehe da, ich und die Kinder, die mir Gott gegeben hat.« 14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hatte er gleichermaßen daran Anteil, auf dass er durch den Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, 15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten. 16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an.[1] 17 Daher musste der Sohn in allem seinen Brüdern gleich werden, auf dass er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. 18 Denn da er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.
Hebräer 2,9-18
Abendlese
Seit der Zeit fing Jesus an, seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen. 22 Und Petrus nahm ihn beiseite und fuhr ihn an und sprach: Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht! 23 Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
24 Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir. 25 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden. 26 Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? 27 Denn es wird geschehen, dass der Menschensohn kommt in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun. 28 Wahrlich, ich sage euch: Es sind etliche unter denen, die hier stehen, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich.
Matthäus 16,21-28
Bekenntnislese
Hier aber werden christliche, gottesfürchtige Eheleute wohl in ehelicher Pflicht Maß zu halten wissen. Denn diejenigen, so in Regimenten oder der Kirchen Ämtern sind und zu schaffen haben. Die werden auch im Ehestand wohl keusch müssen sein. Denn mit großen Sachen und Händeln beladen sein, da Landen und Leuten, Regimenten und Kirchen an gelegen ist, ist ein gut remedium, daß der alte Adam nicht geil werde. So wissen auch die Gottesfürchtigen, daß Paulus 1 Thess. 4 sagt: „Ein jeglicher unter euch wisse sein Faß zu behalten in Heiligung und Ehren, nicht in der Lustseuche.“ Dagegen aber, was kann für eine Keuschheit bei so viel tausend Mönchen und Pfaffen sein, die ohne Sorge in aller Lust leben müßig und voll, haben dazu kein Gotteswort, lernen’s nicht und achten’s nicht? Da muß alle Unzucht folgen. Solche Leute können weder levitische noch ewige Keuschheit halten.
Viele Ketzer, welche das Gesetz Mosis, oder wie es zu gebrauchen sei, nicht verstanden, reden schmählich von dem Ehestand, welche doch um solches heuchlerischen Scheines willen für heilig gehalten sind. Und Epiphanius klagt heftig, daß die Enkratiten mit dem heuchlerischen Schein, sonderlich der Keuschheit, bei den Unerfahrenen ein Ansehen gewonnen haben. Sie tranken keinen Wein, auch nicht im Abendmahl des Herrn, und enthielten sich gar beides, Fische und Fleisch zu essen, waren noch heiliger denn die Mönche, welche Fische essen! Auch enthielten sie sich des Ehestandes; das hatte erst einen großen Schein, und hielten also, daß sie durch diese Werke und erdichtete Heiligkeit Gott versöhnten, wie unsere Widersacher lehren.
Wider solche Heuchelei und Engelsheiligkeit streitet Paulus heftig zu den Kolossern. Denn dadurch wird Christus gar unterdrückt, wenn die Leute in solchen Irrtum kommen, daß sie hoffen, rein und heilig zu sein vor Gott durch solche Heuchelei. So kennen auch solche Heuchler Gottes Gabe noch Gebote nicht; denn Gott will haben, daß wir mit Danksagung seiner Gaben gebrauchen sollen. Und ich wüßte wohl Exempel vorzubringen, wie manch fromm Herz und armes Gewissen dadurch betrübt worden und in Gefahr gekommen ist, daß es nicht unterrichtet, daß der Ehestand, die Ehepflicht und was an der Ehe ist, heilig und christlich wäre. Der große Jammer ist erfolgt aus der Mönche ungeschicktem Predigen, welche ohne Maß den Zölibat, die Keuschheit lobten und den ehelichen Stand für ein unrein Leben ausschrien, daß er sehr hinderlich wäre zu der Seligkeit und voll Sünden.
Aber unsere Widersacher halten nicht so hart über dem ehelosen Stand um des Scheins willen der Heiligkeit; denn sie wissen, daß zu Rom, auch in allen ihren Stiften, ohne Heuchelei, ohne Schein eitel Unzucht ist. So ist es auch ihr Ernst nicht, keusch zu leben, sondern wissentlich machen sie die Heuchelei vor den Leuten. Derhalben sie ärger und ihre Heuchelei ist häßlicher denn der Ketzer Enkratiten; denen war’s doch mehr Ernst, aber diesen Epicureis ist’s nicht Ernst, sondern sie spotten Gott und der Welt und wenden allein diesen Schein vor, damit ihr frei Leben zu erhalten.
Zum sechsten, so wir so viele Ursachen haben, warum wir des Papsts Gesetz vom Zölibat nicht können annehmen, so sind doch darüber unzählige Fährlichkeiten der Gewissen, unsäglich viel Ärgernisse. Darum ob solch Papstgesetz gleich nicht unrecht wäre, so sollte doch billig alle ehrbaren Leute abschrecken solche Beschwerung der Gewissen, daß so unzählige Seelen dadurch verderben.
Es haben lange vor dieser Zeit viel ehrbare Leute auch unter ihnen, ihre eigenen Bischöfe, Cononici usw., geklagt über die große, schwere Last des Zölibats und befunden, daß sie selbst und andere Leute in große Gefahr ihrer Gewissen darüber gekommen; aber der Klage hat sich niemand angenommen. Darüber ist es am Tage, wie an vielen Orten, wo Pfaffenstifte sind, gemeine Zucht dadurch zerrüttet wird, was greuliche Unzucht, Sünde und Schande, was große ungehörte Laster dadurch geursacht. Es sind der Pöten Schriften und satyrae vorhanden; darin mag sich Roma spiegeln.
Also rächt Gott der Allmächtige die Verachtung seiner Gabe und seiner Gebote in denjenigen, die den Ehestand verbieten. So man nun oft etliche nötige Gesetze aus Ursache geändert hat, wenn es der gemeine Nutz erfordert, warum sollte denn dies Gesetz nicht geändert werden, da so viel treffliche Ursachen sind, so viel unzählige Beschwerung der Gewissen, darum es billig geändert werde? Wir sehen, daß dies die letzten Zeiten sind, und wie ein alter Mensch schwächer ist denn ein junger, so ist auch die ganze Welt und ganze Natur in ihrem letzten Alter und im Abnehmen. Der Sünden und Laster wird nicht weniger, sondern täglich mehr. Derhalben sollte man wider die Unzucht und Laster desto eher der Hilfe brauchen, die Gott gegeben hat, als des Ehestands. Wir sehen in dem ersten Buch Mosis, daß solche Laster der Hurerei auch hatten überhandgenommen vor der Sintflut. Item, zu Sodoma, zu Sybaris, zu Rom und andern Städten ist greuliche Unzucht eingerissen, ehe sie zerstört wurden. In diesen Exempeln ist abgemalt, wie es zu den letzten Zeiten gehen werde, kurz vor der Welt Ende. Derhalben, so es auch die Erfahrung gibt, daß jetzund in diesen letzten Zeiten Unzucht stärker denn je leider eingerissen, sollten treue Bischöfe und Obrigkeit vielmehr Gesetze und Gebote mache, die Ehe zu gebieten, denn zu verbieten, auch mit Worten, Werken und Exempeln die Leute zu dem Ehestande vermahnen; das wäre der Obrigkeiten Amt;. denn dieselben sollen Fleiß haben, daß Ehre und Zucht erhalten wird. Nun hat Gott die Welt also geblendet, daß man Ehebruch und Hurerei gar nahe ohne Strafe duldet, dagegen straft man um des Ehestands willen. Ist das nicht schrecklich zu hören? Dabei sollten die Prediger beiderlei unterrichten: diejenigen, so die Gabe der Keuschheit haben, vermahnen, daß sie dieselbe nicht verachteten, sondern zu Gottes Ehre brauchten, die andern, welchen der eheliche Stand vonnöten ist, dazu auch vermahnen.
Der Papst dispensiert sonst täglich in vielen nötigen Gesetzen, daran gemeinem Nutz viel gelegen, da er billig sollte fest sein. Allein in diesem Gesetz vom Zölibat erzeigt er sich also hart als Stein und Eisen, so man doch weiß, daß nichts denn ein Menschengesetz ist. Sie haben viel fromme, redliche, gottesfürchtige Leute, welche niemand kein Leid getan, wüterisch und tyrannisch erwürgt allein um des Ehestands willen, daß sie aus Notdurft ihrer Gewissen sind ehelich geworden. Derhalben zu besorgen, daß des Abels Blut so stark gen Himmel schreit, daß sie es nimmer werden verwinden, sondern wie Kain zittern müssen. Und dieselbe kainische Mörderei des unschuldigen Bluts zeigt an, daß diese Lehre vom Zölibat Teufelslehre sei. Denn der Herr Christus nennt den Teufel einen Mörder, welcher solch tyrannisch Gesetz mit eitel Blut und Morden auch gern wollte verteidigen.
Apologie XXIII,43-58 (Von der Priesterehe)
