Wir lesen weiter in der Apologie Melanchthons wie Justus Jonas sie übersetzt hat und zwar von der Rechtfertigung im 4. Kapitel:

Von der liebe und erfüllung des Gesetzs.
Hie werffen uns die widdersacher diesen spruch fur: „Wiltu ewig leben, so halt die gebot Gottes.“ Item, zu den Römern am ii: „Nicht, die das gesetz hören, werden gerecht sein, sondern die das gesetz thuen“, und dergleichen viel vom gesetz und von wercken. Nu, ehe wir darauff antworten, müssen wir sagen von der Liebe und was wir von erfüllung des gesetzs halten. Es stehet geschrieben im Propheten: „Ich will mein gesetz inn ihr hertz geben.“ Und Rom.iii sagt Paulus: „wir heben das gesetz nicht auff durch den glauben, sondern richten das gesetz auff. Item, Christus sagt: „Wiltu ewig leben, so halt die gebot.“ Item, zu den Corinthern sagt Paulus: So ich nicht die liebe habe, bin ich nichts; diese und dergleichen sprüche zeigen an, das wir das gesetz halten sollen, wenn wir durch den glauben gerecht worden sein und also jhe lenger jhe mehr im geist zunemen. Wir reden aber hie nicht von Ceremonien Mosi, sondern von den Zehen gepoten, welche von uns foddern, das wir von hertzengrund Gott recht forchten und lieben sollen. Dieweil nu der glaub mit sich bringet den heiligen geist und ein neu liecht und leben im hertzen wirckt, so ist es gewis und foget von not, das der glaub das hertz vernet und enderet. Und was das fur ein neuerung der hertzen sey, zeigt der Prophet an, da er sagt: „Ich will mein gesetz inn ihre hertzen geben.“
Wenn wir nu durch den glauben neu geporn sein und erkennet haben, das uns Gott will gnedig sein, will unser vater und helffer sein, so heben wir an, Gott zu forchten, zu lieben, ihm zu dancken, ihnen zu preisen, von ihm alle hülffe zu bitten und gewarten, ihm auch nach seinem willen inn trubsaln gehorsam zu sein. Wir heben als denn auch an, den nehisten zu lieben; da ist nu innwendig durch den geist Christi ein neu hertz, syn und mut. Dieses alles kann nicht geschehen, ehe wir durch den glauben gerecht werden, ehe wir neu geborn werden durch den heiligen geist. Denn erstlich kann niemands das gesetz halten ohne Christus erkentnus, so kann auch niemands das gesetz erfüllen one den heiligen geist. Den heiligen geist aber können wir nicht empfahen denn durch den glauben, wie zu den Galatern am iii. Paulus sagt: „Das wir die verheissung des geistes durch den glauben entpfahen.“
Item, Es ist unmüglich, das ein menschen hertz allein durch das gesetz odder sein werck Gott liebe. Denn das gesetz zeigt allein an Gottes zorn und ernst, das gesetz klagt uns an und zeigt an, wie er so schrecklich die sunde straffen wölle, beide mit zeitlichen und ewigen straffen. Darümb, was die Scholastici von der liebe Gottes reden, ist ein traum, und ist unmüglich, Gott zu lieben, ehe wir durch den glauben die barmhertzigkeit erkennen und ergreiffen. Dann, alsdenn erst wird Gott „obiectum amabile“, ein lieblich, selig anblick. Wiewol nu ein erbar leben zu füren und eusserliche werck des gesetzes zu thun, die vernunfft etlichermas one Christo, one den heiligen geist, aus angebornem liecht vermag, so ist es doch gewis, wie oben angezeigt, das die höchste stücke des Göttlichen gesetzes, als das gantz hertz zu Gott zu keren, von gantzem hertzen ihnen gros zu achten niemands vermag one den heiligen geist.
Aber unser widdersacher sind gut, rohe, faule, unerfarne Theologen. Sie sehen allein die ander Taffel Mosi an und die wercke derselbigen. Aber die erste Taffel, da die höhiste Theologey inne stehet, da es alles an gelegen ist, achten sie gar nicht; ja, dasselbige, höchste, heiligest, gröste, furnemste gebot, welches allen menschlichen und Engelischen verstand ubertrifft, welches den höchsten Gottesdienst, die Gottheit selbst und die ehre der ewigen Maiestet belanget, da Gott gebeut, das wir hertzlich ihnen sollenfur einen Herrn und Gott halten, fürchten und lieben, halten sie so gering, so klein, als gehöre es zu der Theologey nicht.
Christus ist uns aber dazu dargestellet, das umb seinetwillen uns sunde vergeben und der heilig geist geschanckt wird, der ein neu liecht und ewiges leben, ewige gerechtigkeit inn uns wirckt, das er uns Christum im hertzen zeigt, wie Johannis am xvi. geschrieben: „Er wird von dem meinem nehmen und euch verkündigen.“ Item, er wircket auch andere gabe, liebe, dancksagung, keuscheit, gedult etc. Darümb vermag das gesetz niemands one den heiligen geist zu erfüllen, darümb sagt Paulus: Wir richten das gesetz auff durch den glauben und thuens nicht ab; denn so können wir erst das gesetz erfüllen und halten, wenn der heilig geist uns gegeben wird.
Und Paulus ii. Corinth. iii. sagt, das die decke des angesichts Mosi könne nicht weggethan werden denn allein durch den glauben an den Herrn Christum, durch welchen geben wird der heilig geist. Denn also sagt er: „Bis auff diesen tag, wenn Moses gelesen wird, ist die decke uber ihrem hertzen. Wenn sie sich aber zum Herrn bekeren, wird die decke weggethan. Denn der Herr ist ein geist; wo aber des Herrn geist ist, da ist freiheit. Die decke nennet Paulus den menschlichen gedancken und wahn von Zehen geboten und Ceremonien, nemlich, das die heuchler wenen wollen, das das gesetz müge erfüllet und gehalten werden durch eusserliche wercke, Und als machen die opffer, Item, allerley Gottesdienst ex opere operato jmands gerecht fur Gott. Denn wirt aber die decke vom hertzen genomen, das ist, der irthumb und wahn wirt weggenomen, wenn Gott im hertzen uns zeigt unsern jamer und lest uns Gottes zorn und unsere sunde fülen, Da mercken wir erst, wie gar fern und weit wir vom gesetz sein. Da erkennen wir erst, wie sicher und verblendet alle menschen dahingehen, wie sie Gott nicht fürchten. Inn Summa, nicht gleuben, das Gott himel, erden und alle Creatur geschaffen hat, unsern odem und leben und die gantze Creatur alle stund erheltet und widder den Satan bewaret. Da erfaren wir erst, das eitel unglaub, sicherheit, verachtung Gottes inn uns so tieff verborgen stecket. Da erfahren wir erst, das wir so schwach odder gar nichts gleuben, das Gott sunde vergebe, das er gebet erhore etc. Wenn wir nu das wort und Evangelium hören und durch den glauben Christum erkennen, empfahen wir den heiligen geist, das wir denn recht von Gott halten, ihnen forchten, ihme gleuben etc.
Inn diesem ist nut gnugsam angezeigt, das wir Gottes gesetz one den glauben, on Christum, one den heiligen geist nicht halten können. Darümb sagen wir auch, das man mus das gesetz halten, und ein jeder gleubiger fehet es an zu halten und nimpt jhe lenger jhe mehr zu inn liebe und forcht Gottes, welchs ist recht Gottes gebot erfüllet. Und wenn wir vom gesetzhalten reden odder von guten wercken, begreiffen wir beides, das gut hertz inwendig und die wercke auswendig. Darümb thun uns die widdersacher unrecht, da sie uns schuld geben, wir leren nicht von guten wercken, so wir nicht allein sagen, man müsse gute werck thuen, sondern sagen auch eigentlich, wie das hertz müsse dabey sein, damit es nicht lose, taube, kalte heuchlerwercke sein. Es leret die erfarung, das die heuchler, wiewol sie sich unterstehen, aus ihren krefften das gesetz zu halten, das sie es nicht vermügen, noch mit der that beweisen. Denn wie fein sein sie one has, neid, zangk, grim, zorn, one geitz, ehebruch etc., also das nirgent die laster grösser sein denn inn Klöstern, Stifften. Es sind alle menschliche kreffte viel zu schwach dem Teuffel, das sie seiner list und stercke aus eigenem vermügen widderstehen, sollten, welcher alle diejhenigen gefencklich heltet, die nicht durch Christum erlöset werden. Es mus Gottliche stercke sein und Christus aufferstehung, die den Teuffel uberwinde. Und so wir wissen, das wir Christi stercke, seines siegs durch den glauben teilhafftig werden, können wir auff die verheissung, die wir haben, Gott bitten, das er uns durch seines geists stercke beschirme und regire, das uns der Teuffel nicht felle odder stürtze, sonst fielen wir alle stunde inn irthumb und greulich laster. Darümb sagt Paulus nicht von uns, sondern von Christo: „Er hat das gefengknis gefangen gefürt.“ Denn Christus hat den Teuffel uberwunden und durch Evangelium verheissen den heiligen geist, das wir durch hülff desselbigen auch alles ubel uberwunden. Und i. Joh. am iii. Capit. ist geschrieben: „Dazu ist erschienen der son Gottes, das er aufflöse die wercke des Teuffels.“
Apologia der Confession verdeutscht aus dem Latin durch Justum Jonam: AC IV (Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche hg.v Dingel u.a. i.A. der EKD (V&R: 2014. S.316-322)