Darüber sagen sie dazu, das kein mensch ewig verdampt werde allein umb der Erbsunde odder Erbjammers willen, sondern, gleich wie von einer leibeigenen magd leibeigen leut und erbknecht geborn werden, nicht ihr eigen schuld halben, sondern, das sie der mutter unglucks und elends entgelten und tragen müssen – so sie doch an ihn selbst wie ander menschen ohne wandel geborn werden – , So sey die Erbsunde auch nicht ein angeborn ubel, sondern allein ein gebrechen und last, die wir von Adam tragen, aber vor uns selbst, darümb nicht inn sunden und erbungnaden stecken.
Damit ich nu anzeigete, das uns solche unchristliche meinung nicht gefiele, hab ich dieser wort gebraucht: „alle menschen von mutterleib an sind alle vol böser lust und neigung“. Und nenne die Erbsunde auch darümb ein seuche, anzuzeigen, das nicht ein stücke, sondern der gantz mensche mit seiner gantzen natur mit einer Erbseuche von art inn sunden geborn wird; darümb nennen wir es auch nicht allein ein böse lust, sondern sagen auch, das alle menschen inn sunden, ohne Gottesforcht, ohne glauben geborn werden; dasselbig setzen wir nic hat ohne ursach dazu. Die Schulzencker odder Scholastici, die reden von der Erbsunde, als sey es allein ein leiderlich, gering gebrech, und verstehen nicht, was die Erbsunde sey odder wie es die andern heiligen Veter gemeint haben.
Wenn die Sophisten schreiben, was Erbsunde sey, was der fomes odder böse neigung sey, reden sie unter andern davon, als sey es ein gebrech am leib, wie sie denn wunder kindisch von sachen zu reden pflegen, und geben fragen fur: Ob derselbige gebrech aus vergifftung des verboten Apfels im paradis oder aus anblasen der Schlangen Adam erst ankomen sey, Item, Ob es mit dem gebrechen die Artznei jhe lenger jhe erger macht. Mit solchen zenckischen fragen haben sie diese gantze hauptsachen und die furnemste frage, was die Erbsunde doch sey, gar verwirret und unterdrücket.
Darümb, wenn sie von der Erbsunde reden, lassen sie das gröste und nöttigeste aussen, und unsers rechten, grösten jammers gedencken sie gar nicht, nemlich, das wir menschen alle also von art geboren werden, das wir Gott odder Gottes werck nicht kennen, nicht sehen noch mercken, Gott verachten, Gott nicht ernstlich fürchten noch vertrauen, seinem gerichte oder urteil feind sein, Item, das wir alle von natur vor Gott als einem Tyrannen flihen, widder seinen willen zörnen und murren, Item, uns auff Gottes güte gar nicht lassen noch wagen, sondern allzeit mehr auff gelt, gut, freund verlassen; diese geschwinde Erbseuche, durch welche die gantze natur verderbt, durch welche wir alle solch hertz, syn und gedancken von Adam ererben, welches stracks widder Gott und das erste höchste gebot Gottes ist, ubergehen die Scholastici.
Und reden davon, als sey die menschlich natur unverterbet, vormüge Gott gros zu achten, zu lieben uber alles, Gottes gebot zu halten etc., und sehen nicht, das sie widder sich selbs sind. Denn solchs aus eigen krefften vernmügen, nämlich Gott gros zu achten, hertzlich zu lieben, sein gebot halten, was were das anders denn ein neu Creatur im Paradis, gar rein und heilig sein? So wir nu aus unsern krefften so grosses vermöchten, Gott uber alles zu lieben, seine gebote zu halten, wie die Scholastici tapffer dörffen heraus sagen, was were denn die Erbsunde? Und so wir aus eigen krefften gerecht worden, so ist die gnade Christi vergeblich? was dürffen wir auch des heiligen Geistes, so wir aus menschlichen krefften Gott ueber alles lieben und seine gebot halten können?
Hie sicht jhe jdermann, wie ungeschickt die widdersacher von diesem hohen handel reden. Sie bekennen die kleinen gebrechen an der sündlichen natur, und des allergrössten Erbjammers und elends gedencken sie nicht, da doch die Apostel alle uber klagen, das die gantze schrifft allenthalben meldet, da alle Propheten uber schreien, wie der xiii Psalm und etlich ander Psalm sagen: „Da ist nicht, der gerecht sey, auch nicht einer.“ „Da ist nicht, der nach Gott fraget.“ „Da ist nicht, der guttes thut, auch nicht einer.“ „Ihr schlund ist ein offens grab.“ „Otterngifft ist unter ihren lippen.“ Es ist keine forcht Gottes fur ihren augen, so doch auch die schrifft klar sagt, das uns solchs alles nicht angeflohen, sondern angeborn sey.
Dieweil aber die Scholastici unter die Christliche lehre viel Philosophy gemengt und viel von dem liecht der vernunfft und den actibus elicitis reden, halten sie zu viel vom freien willen und unsern wercken. Darüber haben sie geleret, das die menschen durch ein eusserlich erbar leben fur Gott from werden, und haben nicht gesehen die angeborne unreinigkeit inwendig der hertzen, welche niemands gewar wird denn allein durch das wort Gottes, welchs die Scholastici inn ihren büchern fast sperlich und selten handeln.
Apologia der Confession verdeutscht aus dem Latin durch Justum Jonam: AC II (Die Bekenntnisschriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche hg.v Dingel u.a. i.A. der EKD (V&R: 2014. S.248+250
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