Eine ökumenische Sternstunde Zum Treffen des „Ratzinger-Schülerkreises“ mit Papst Benedikt XVI. in Castel Gandolfo
Von Werner Neuer (der dabei war)
Die Tagung des „Ratzinger-Schülerkreises“ vom 31. August bis 2. September am Sommersitz des Papstes in Castel Gandolfo bei Rom war in diesem Jahr dem Thema Ökumene gewidmet. Sie konzentrierte sich auf das Gespräch zwischen lutherischer und katholischer Theologie, behandelte aber auch das Verhältnis zwischen anglikanischer und katholischer Kirche.
Neben dem nordelbischen Altbischof Prof. Ulrich Wilckens (Lübeck) war als Vertreter evangelischer Theologie Prof. Theodor Dieter anwesend, der als Direktor das Straßburger Institut für ökumenische Forschung leitet und über den katholisch-lutherischen Dialog berichten sollte. Außerdem sprach der katholische Bischof Charles Morerod (Genf) über das anglikanisch-lutherische Gespräch.
Vorträge, die Kopf und Herz ansprachen
Viele Teilnehmer teilten meinen Eindruck, dass die Tagung mit dem Papst und seinem Schülerkreis eine ökumenische „Sternstunde“ war: Sowohl Wilckens als auch Dieter beeindruckten durch Vorträge, die „Kopf und Herz“ gleichermaßen ansprachen, weil sie hohe Sachkompetenz mit einer Leidenschaft für ein vom Heiligen Geist geschenktes Einswerden der getrennten Christen und Kirchen verbanden.
Theo Dieter zeigte an Beispielen das längst noch nicht ausgeschöpfte „ökumenische Potenzial“ Luthers auf und erläuterte die 1999 von der katholischen Kirche und dem Lutherischen Weltbund unterzeichnete „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ als „bemerkenswertes Ereignis in der Kirchengeschichte“. Er mahnte, nach vielen konstruktiven Dialogen nun die Aufgabe anzupacken, die „Früchte zu ernten“ (Walter Kardinal Kasper):
Dazu gehört nach Dieter, dass die Kirchen viele unverständlich gewordene Lehren den Menschen unserer Zeit so bezeugen, dass sie wieder einen Zugang zum Glauben finden und ihn zu leben lernen. Die Kirchen haben die Aufgabe, in einem „Geben und Nehmen“ die bereitliegenden „Schätze von theologischer Lehre und Spiritualität, von Liturgie und Praktiken des christlichen Lebens“ zu heben. Er betonte, dass „Ökumene und Evangelisierung“ Hand in Hand gehen müssen, und erinnerte für das Reformationsgedenkjahr 2017 an das schon vom (lutherischen) Augsburger Bekenntnis 1530 proklamierte Ziel, „dass wir alle unter einem Christus sind“.
Einen Dialog führen, der dem ewigen Heil und der Wahrheit Christi verpflichtet ist
Der 85-jährige Benedikt XVI., dessen theologische Klarheit und geistige Frische auf der Tagung sein Alter vergessen ließen, ermahnte dazu, über die Kirchengrenzen hinweg einander als Christen zu erkennen, das Christsein zu leben und einen Dialog zu führen, der dem ewigen Heil und der Wahrheit Christi verpflichtet ist. Es war ein bewegender Moment, als der Papst am Ende der von ihm geleiteten Diskussion die beiden evangelischen Theologen brüderlich am Arm fasste und Bischof Wilckens darum bat, mit einem Gebet die Versammlung zu beschließen.
Zwei Wünsche für das Reformationsgedenkjahr
In diesem Geist des geschwisterlichen Miteinanders endete die Tagung am Sonntag mit einem gemeinsamen Gottesdienst, an dem die evangelischen Theologen durch Schriftlesung und Fürbitte mitwirkten.
Der Papst hielt eine ganz aus der Bibel geschöpfte, wahrhaft „evangelische“ Predigt: Er warnte vor einer „Intellektualisierung des Glaubens und der Theologie“, rief dazu auf, sich von der Freude am Herrn neu erfüllen zu lassen, und pries das Wunder der Gegenwart Jesu im Herrenmahl: „Er tritt herein in unsere Armseligkeit, um uns zu durchdringen, zu reinigen und zu erneuern, damit durch uns, in uns Wahrheit in der Welt sei und Heil werde.“
Beim anschließenden Frühstück waren die beiden evangelischen Referenten eingeladen, am Tisch des Papstes ihr Gespräch mit ihm zu beenden.
Nach seinem Wunsch für das Reformationsgedenkjahr 2017 befragt, äußerte Benedikt XVI. zwei Wünsche:
Das gemeinsame Bekenntnis der Schuld und das Bekenntnis des gemeinsamen christlichen Glaubens.
Möge Gott schenken, dass dieser doppelte Wunsch in Erfüllung geht!
(Der Autor, Dr. theol. Werner Neuer (Schallbach) ist Dozent für Systematische Theologie am Theologischen Seminar St. Chrischona.)
In: Idea Pressedienst Nr. 250 (6.9.2012) S. 10