Predigt zum 4. Advent

Lukas 1,26-40

4. Sonntag im Advent (2010)

Immanuel-Kirche Rotenburg

Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche

Pastor Dr. Christoph Barnbrock

 

“Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hieß Maria. Und der Engel kam zu ihr hinein und sprach: Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir! Sie aber erschrak über die Rede und dachte: Welch ein Gruß ist das? Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß? Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass sie unfruchtbar sei. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Maria aber sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast. Und der Engel schied von ihr. Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.”

(Lukas 1,26-40)

Liebe Gemeinde,

I.

“Gott zur Welt bringen”, so steht es auf einem Andachtsheft, das für die diesjährige Adventszeit veröffentlicht worden ist. Und über dem Schriftzug findet sich ein Bild: Eine mittelalterliche Kirche auf einem LKW, einem Spezialtransporter. Es ist die Emmauskirche aus Heuersdorf, die wie der ganze Ort dem Braunkohleabbau weichen musste. Wie die Menschen, so musste nun auch die Kirche umziehen. Die Kirche als Raum für die Gegenwart Gottes blieb nicht einfach zurück, sondern sie blieb bei den Menschen. Menschen wollten im schmerzvollen Neuanfang ihres Lebens nicht ohne den vertrauten Ort bleiben, an denen ihnen Gott schon so oft in den Gottesdiensten begegnet war.

So ungewöhnlich kann das sein, wenn Gott zur Welt gebracht wird. Kaum vorstellbar, ja geradezu unglaublich, dass so etwas geht: eine Kirche zu versetzen. In einem abgelegenen Winkel unseres Landes ist so auf unglaubliche Weise eben dies geschehen: Gott wird zur Welt, zu den Menschen gebracht.

II.

“Gott zur Welt bringen”. – Da geschieht etwas Unglaubliches in einem abgelegenen Winkel des Landes. Genauso war es auch damals – in Nazareth, in Galiläa, einem entlegenen Gebiet Israels. Und so wenig das jedenfalls für mich vorstellbar ist, wie sich eine mittelalterliche Kirche mal eben von einem Ort zum anderen transportieren lässt, so wenig war auch die Botschaft des Engels für Maria fassbar: Gott wollte zur Welt gebracht werden – von ihr, einer unscheinbaren Frau aus der Provinz. Ja, bitte: Wie sollte das denn gehen?

Doch bevor wir nun ins Fragen, Zweifeln oder in bloßes Staunen über die angekündigte Schwangerschaft und Geburt dieser Jungfrau verfallen, lasst uns doch lieber überlegen: Wie wird Gott eigentlich bis heute zu uns, also zur Welt gebracht? Sicherlich im Normalfall nicht auf einem Spezialtransporter und auch nicht durch die Geburt einer jungen Frau. Wie aber dann? Wenn wir an dieser Verkündigungsgeschichte noch einmal Schritt für Schritt entlanggehen, werden wir vieles von dem entdecken können, wie Gott bis heute in die Welt gebracht wird.

III.

a) Reden und Hören

Am Anfang unserer Geschichte steht das Reden und das Hören. Der Engel redet in Gottes Auftrag und Maria hört. So beginnt es, dass Gottes Sohn durch Maria in die Welt kommt. So fängt es an, dass Gott auch zu uns kommt. Ein Künstler hat das ganz anschaulich dargestellt:

Über dem Nordportal der Würzburger Marienkapelle ist diese Verkündigungsszene nachgebildet. Der Erzengel Gabriel richtet Gottes Wort aus. Und währenddessen empfängt Maria durch das Wort von Gott Vater über das Ohr ihren Sohn. So macht der Künstler es deutlich: Gottes Sohn wird durch Gottes Wort, über das Hören in die Welt, ja mehr noch: in das Leben eines Menschen gebracht.

Ein Bote richtet Gottes Worte aus. So ereignet sich bis heute – auch unter uns – Gegenwart Gottes. Zum Beispiel jetzt in diesem Moment, in dem ich als ordinierter Pastor, als Bote in Gottes Auftrag, euch das Evangelium, die frohe Botschaft weitersage. Aber eben auch dort, wo einer den anderen an Gottes Wort erinnert. Ein Bibelvers auf einer Karte zum Geburtstag kann das sein. Ein persönliches Wort, mit dem du einem anderen daran Anteil gibst, dass dir dieses oder jenes Gotteswort durch schwere Zeiten hindurchgeholfen hat.

So kommt Gott auch unter uns zu Wort – ja mehr noch: So beginnt es, dass Gott auch heute, auch unter uns zur Welt kommt, dass Gottes Sohn auch in unserer Leben tritt.

b) Schweigen, Erschrecken und Fragen

Nun darf Gottes Wort aber nicht mit anderen schönen Sprüchen verwechselt werden, die sich gut anhören und mehr oder weniger tiefe Lebensweisheiten enthalten. Gottes Wort ist verstörender, indem es unsere Denk- und Lebensgewohnheiten durchbricht. Maria hat das am eigenen Leibe erfahren. Sie erschrickt, sie gerät ins Grübeln und Fragen und sagt erst einmal nichts.

All das ist eine ganz normale Reaktion darauf, dass Gott in unserem Leben das Wort ergreift. Da ist nicht mit einem Mal alles klar. Da klingt auch nicht alles plötzlich zuckersüß. Sondern Menschen erschrecken, sind irritiert. Fragen tun sich auf. Manchem verschlägt es dabei sogar die Sprache. All das ist eben nicht unchristlich oder gar ein Zeichen für fehlenden Glauben. Sondern so geht es Menschen, zu denen Gott redet, zu denen Gott durch sein Wort gebracht wird – Menschen wie Maria.

Ein Alarmsignal wäre es vielmehr, wenn Gottes Wort gar nichts mehr bewegt. Wenn es scheinbar die eigenen Gedanken bloß noch bestätigt, nicht mehr irritiert, nicht mehr neue Wege zu Gott weist. Da drohte die Gefahr, dass einer sich abgestumpft hat gegenüber Gottes Wort und Wirken und nur noch um sich selbst kreist.

c) Widersprechen

Ja, und mehr noch. Nicht nur das Schweigen und Fragen können wir in dieser Verkündigungsgeschichte entdecken, sondern sogar dies: Maria widerspricht dem Engel: “Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Mann weiß?”

Dieses Nachfragen und Widersprechen ist nicht ungehörig, sondern tiefster Ausdruck aufmerksamen Hörens. Wer widerspricht, nimmt ja gerade ernst, dass ihn jemand angeredet hat. So beginnt das Gespräch. Wo ich die Botschaft eines anderen für völlig unpassend und vollkommen abwegig halte, muss ich erst gar nicht reagieren. Aber wo ich den anderen ernst nehme, fordert sein Wort zum Widerspruch heraus.

Genauso ist es bei den Fragen der Maria. Und ganz entsprechend können wir unzählige Fragen in den Psalmen lesen. Und so dürfen auch wir mit unseren Fragen vor Gott treten und Widerspruch einlegen bei ihm. Nicht trotzig, gewissermaßen als letztes Abschiedswort, bevor wir uns von ihm abwenden. Sondern erwartungsvoll, dass er uns Antwort gibt, wie er damals auch Maria auf ihren Widerspruch geantwortet hat. Übrigens: Die Frage, wie das denn genau zugehen soll, beantwortet der Erzengel Gabriel Maria auch nicht im Detail. Aber seine Antwort reicht doch aus, damit Maria Ruhe findet. Auch unsere Fragen, unsere Einsprüche und Widersprüche mögen nicht direkt von Gott beantwortet werden. Aber auch uns antwortet Gott immer wieder so, dass wir Ruhe finden im Festhalten an seinem Wort.

d) Antworten

Zum Abschluss des Gesprächs folgt dann die Antwort der Maria: “Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.” Nein, Maria ist niemand, der einfach einfältig alles glaubt, was ihr vorgesetzt wird. Sie fragt, sie ist irritiert, sie widerspricht. Aber am Ende macht sie sich dann doch fest an Gottes Wort: “Mir geschehe, wie du gesagt hast.”

So wird Gott auch bis heute zur Welt gebracht, so kommt er auch bis heute zu uns, wo wir unsere Zweifel, unsere Fragen und unsere Irritationen nicht das letzte Wort sein lassen. Sondern Gott kommt, wo wir uns festmachen an seinem Wort: “Uns geschehe, wie du gesagt hast.”

Gott spricht: “Dir sind deine Sünden vergeben.” – Und wir antworten: “Uns geschehe, wie du gesagt hast.” Wir hören Gottes Wort: “Gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden.” Und wir antworten: “Uns geschehe, wie du gesagt hast.” Wir hören das Wort unseres Herrn Jesus Christus: “In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.” (Johannes 16,33) Und wir antworten: “Uns geschehe, wie du gesagt hast.” Das ist Glauben: Nicht zu erwarten, dass das geschieht, was wir sehen und wir erwarten. Sondern das zu erwarten, was Gott versprochen hast: “Uns geschehe, wie du gesagt hast.”

e) Glauben wagen

Und schließlich beginnt eine neue Situation. Der Engel geht. Der Gottesdienst endet. Die Bibel wird zugeklappt. Was nun?

Maria begibt sich auf den Weg zu Elisabeth. Warum? – Weil sie erwartet, dort etwas von dem zu entdecken, was sie eben von Gott gehört hat. Im Alltag Entdeckungen im Glauben zu machen, auch das gehört mit dazu, wenn Gott zu uns in die Welt kommt. Biblische Worte nicht einfach für Sonntagsweisheiten zu halten, sondern sie mitgehen zu lassen in den Alltag und zu schauen, was sich Tag für Tag an Gottes erfüllten Versprechen wahrnehmen und erleben lässt. Gewiss: Nicht alles von dem, was Gott zusagt, lässt sich beobachten, sehen und wahrnehmen. Vieles will einfach geglaubt werden. Aber manches lässt sich mit den wachen Augen des Glaubens eben doch auch im Alltag entdecken: Not, die überraschend gewendet wird. Last, die sich wieder leichter tragen lässt. Ein kleines oder großes Wunder, das Hilfe für den schwachen und angefochtenen Glauben ist.

IV.

Gott wird zur Welt gebracht. Das geschieht dort, wo Maria ein Kind empfängt und gebiert. Das geschieht dort, wo ein Kirchgebäude erhalten wird, damit Menschen auch am neuen Wohnort Gottesdienst feiern können. Gott wird zur Welt gebracht. Oft gerade an solchen Orten, wo wir es gar nicht erwartet hätten. Manchmal auf unglaubliche Weise. Entscheidend aber ist, dass wir dem nicht nur mit vorweihnachtlicher Romantik begegnen, sondern dass Gott zu uns kommt – durch sein Wort und unser Hören.

Von Angelus Silesius wird das Wort überliefert: Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

Dass Jesus Christus zur Welt gebracht wird und so auch zu dir und zu mir kommt, ist tatsächlich lebensentscheidend. Und so soll am Ende dieser Predigt das Wort stehen, mit dem Maria auf das Kommen Jesu in ihr Leben geantwortet hat: “Mir geschehe, wie du gesagt hast.” Ja, so geschehe auch uns, Vater im Himmel, was du uns zugesagt hast. Amen.

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About Wilhelm Weber

Pastor at the Old Latin School in the Lutherstadt Wittenberg
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