Die Elbwiesen blühen…

Laufen auf den Wiesen macht Spaß. Theoretisch. Sonst ist es nämlich ein ziemlicher Schlepp. Die Knochen wollen nicht wie sie sollen und fünf Kilometer sind immerhin doppelt so lange wie damals der militärische Standard von 2,4. Jetzt im Sommer ist das Gras lang und ich denke viel an Buschläuse, die ich aber noch nicht einmal gesehen habe. Wenn ich erstmal über die Straße bin, geht’s richtig los. Gewöhnlich bieg ich dann nach links, um dann in einem großen Kreis wieder zurück zur Ampel und über die Bahnschiene auf den Heimweg über den Markt zu kommen. Meist begegnen mir spätestens bei der großen Straße Menschen auf dem Rad oder mit dem Hund. Die wenigsten sind wie ich einfach und allein zu Fuß unterwegs. Naja, so laufe ich halt meine Runde und denke mir meinen Teil.

Letzte Woche oder schon länger her, laufe ich also auch wieder meinen Kreis und freue mich der warmen Luft und des blauen Himmels. Immer wieder ist ein Kuckuck zu hören, auch mal ein krächzender Fasan, meist Krähen und Starenschare. Natürlich auch mein rhythmischer Fußfall und mein Atmen, der anders als im Gesangvers nicht zu schwer ausgeht. Ich laufe also meine Strecke und bin schon an Anglerstegen vorbei, über Wildfährten hinweg und unter dem blühenden Kastanienbaum durch. Hier sieht man nur noch die Kirchtürme von weitem. Der Verkehr ist verstummt. Manchmal zieht der Duft von der Keksfabrik von Nord-West übers Feld. Dann ist das Glück nahezu vollkommen, wenn da nicht das Laufen wäre…  

Fast bin ich am Ende der Wiese, wo sie vom Kanal durchbrochen wird, da sehe ich ein Rad aufgestellt. Einige Wäschestücke sind daran aufgehängt wie auf einer Wäscheleine. Was ist den das? Im Gras liegt splitternackt ein Sonnenanbeter im Gras ausgestreckt. Der blonde Haarschopf ist in einem hübschen Zopf zusammengebunden und macht sich gut auf dem geröteten Rücken, der vom Winter noch zart und viel zu unbedarft in dieser Sommerszeit erscheint. Das Gesicht ist von mir weggewendet und ich drehe mich auch gleich wieder in die andere Richtung, denn der runde Po ist gut sichtbar und ich will die Madam ja nicht erschrecken. Doch bei aller Überraschung gilt auch hier – ein hübscher Rücken kann auch entzücken. Die Erkenntnis kommt sofort. Ich also beschwingt zurück und laufe nochmal so schnell und wie beflügelt nach Hause. Es gibt doch immer noch schöne Momente im grauen Alltag. Je länger je mehr denke ich dann, ich hätte doch wenigstens mal grüßen sollen. Sie soll nicht denken, ich sei von Anblick abgeschreckt. Das Gegenteil ist wahr. Es hätte doch ganz anders kommen können. Die Erkenntnis dauert: „Spyt kom altyd te laat!“

Naja. Am nächsten Tag ist die Fahrradtour dran und am übernächsten regnet es. Da liegt niemand auf der Wiese. Nur ich patsche auf dem nassen Weg meine Runde. Bald ist das Wetter besser, aber ich habe das Feld für mich allein. Dann ist wieder Radfahrtag und ich frage mich, ob ich meine Sonnentante heute wohl wieder verpasst habe. So geht ein Tag nach dem anderen vorbei und ich laufe oder radle meine Runden und mache mir meine Gedanken dabei.

Vorgestern wars dann endlich mal wieder so weit. Das Wetter stimmte. Laufen war dran und alles deutete darauf an, dass es klappen könnte. Ich also mit frohen Schritten über die Elbwiesen durchs lange Gras und von vielen Vögeln begleitet (auch vom besagten Kuckuck!) auf das Ende der Strecke zu. In Gedanken übe ich schon mal den Gesang: „Ein Männlein steht im Walde…“ und überlege wie ich das dem Fräulein am besten vorsinge. Vielleicht mit noch einigen Umdichtungen, aber vielleicht kennt sie ja gar nicht den alten Text. Dann ist der Clou auch daneben. Naja, mal sehen. Und tatsächlich. Als ich um die letzte Baumgruppe gebogen komme, steht dort das Rad aufgebaut – und daneben der blonde Zopf auf gerötetem Rücken mir zugewandt. Dieses Mal laufe ich also tapfer weiter. Wer hat denn Angst vorm kl. Fräulein alleine auf der Wiese? Wie groß meine Ernüchterung als der Zopf sich dreht und ein junger Mann mich grüßt und fragt, ob ich mich dort breit machen wollte, er sei gerade im Abflug… So schnell kanns anders kommen. Ich habe kein Lied gesungen, habe nur erklärt, dass ich hier eben fast täglich laufe und dass das hier mein Wendepunkt sei. Der Rückweg war gerade lang genug, dass ich mich wieder einkriegen konnte. Und heute freue ich mich schon wieder aufs Laufen über die Elbwiesen, denn gestern war Fahrrad dran und in Fisch- und Biberteichen tummelten sich schon lustig Schwimmer in der schönen Sommerzeit. Mal sehen, was als nächstes auf der Wiese liegt oder gar in die Elbe springt!

About Wilhelm Weber

Pastor at the Old Latin School in the Lutherstadt Wittenberg
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